„Pop-Kultur“: Killt das Festival unabhängige Konzertveranstalter?

partyszene - pop kultur festival 2017 - opening party 23.8.2017Alexander Koenitz
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War doch ganz hübsch, das „Pop-Kultur“-Festival 2017. Zwischen „bling bling“-Erlebnisgastronomie und den seelenlosen Multifunktionsräumen der Kulturbrauerei haben die Kuratoren Christian Morin und Martin Hosbach der Lieblingsmusik des intellektuellen Musikfans eine schöne Nische geschaffen. Hot Chips Alexis Taylor sang romantische Songs am Klavier in einem rumpeligen Kneipentheater, das Duo Evvol führte psychedelisch-elektronische Songs in einem Vereinsheim für Gehörlose auf, zu denen das Publikum auf Kissen lümmelte. Das ganze Festival war alles in allem nett, hübsch und unaufregend geschmackssicher. Wenn da nicht irgendwelche Knalltüten mit einem krawalligen, anti-israelischen Boykott-Aufruf Musiker davon abgehalten hätten, beim Festival zu spielen – wer weiß, ob außerhalb der Freundeskreise verständiger Musikliebhaber und der Popmusik-Spalte der Tageszeitungen überhaupt bemerkt worden wäre, daß da ein Festival stattfindet.

Kann man bei soviel plakativer Niedlichkeit und kuratorischem Sachverstand noch Bauchschmerzen mit dem „Pop-Kultur“-Festival haben? Ja, man kann – wie auf einem Panel zu erfahren war, dass die Veranstalter des 2016er Gegenfestivals „Off-Kultur“ veranstalteten. Da sollte Festival-Chefin Katja Lucker gegrillt werden. Wie unfair sei es, wenn das „Pop-Kultur“-Festival Millionen ausgibt und in Neukölln Projekträume wegen eines Mietrückstands von 5000 Euro schließen, fragte „Off-Kultur“-Mitveranstalter Michael Aniser. Die Frage mag angesichts der begehbaren Überreste des wegsanierten Friedrichshainer Musik-Vereinsheims Antje Öklesund im Innenhof der Kulturbrauerei auf der Hand liegen, die Antwort von Festival-Chefin Katja Lucker aber auch: die Veranstalter von „Pop-Kultur“ können nicht die retten, die unter die Räder des Immobilienmarktes gekommen sind. Schließlich sei die Verwendung des öffentlichen Geldes immer an bestimmte Aufgaben gekoppelt, sonst gibt’s Ärger vom Rechnungsprüfer – und die kurzfristige Rettung von Clubs und Konzerträumen gehört nicht zu den Aufgaben des Festivals und seiner Veranstalter. „Zweckbindung öffentlicher Gelder“ nennt sich sowas.

pop-kultur-festival - braucht es pop-kultur, mit michael aniser, katja lucker, Michael Hilgers, regina lechner - kulturbrauerei 24.8.2017
Panel: Braucht es Pop-Kultur?, mit Michael Aniser, Katja Lucker, Michael Hilgers, Regina Lechner – Kulturbrauerei 24.8.2017

Viel schwerer wiegt hingegen die Kritik des Konzertveranstalters Michael Hilgers (Dawn of the Dance, Greyzone): das von Senat, EU und Bund finanzierte Festival schnappt den kleinen Underground-Veranstaltern die Künstler weg.  Das passiere vor allem weil „Pop-Kultur“ mit dem fetten Budget die Preise „verderbe“. Das Festival bietet Bands mehr Gage als kleine unabhängige Veranstalter normalerweise zahlen könnten, die Touren selbst finanzieren müssen. Ein paar Extras kommen noch oben drauf, welche das Festival ebenfalls spendiert, um einen Auftritt als „commissioned work“ präsentieren zu können. Reguläre Konzerttermine in Berlin werden in der Folge abgesagt, weil Bands „zu teuer“ sind – oder eben zuvor schon beim „Pop-Kultur“-Festival aufgetreten sind. Klingt logisch, auch wenn der Veranstalter keinen konkreten Beweis rausrücken wollte.

Den Angeboten des reichen „Pop-Kultur“-Festivals an Künstler können unabhängige, kleine Veranstalter nichts entgegen setzen

Eigentlich ganz normal in der Marktwirtschaft.  Das Problem ist, wer das „Pop-Kultur“-Festival organisiert. Es ist das Leuchtturm-Projekt des musicboards Berlin. Die eigentliche Aufgabe der Firma, die dem Senat gehört: Musiker, Veranstalter und Initiativen in Berlin fördern. Doch mittlerweile macht das Festival mit einem Gesamtbudget von weit mehr als 1 Mio Euro ungefähr die Hälfte der gesamten Ausgaben des musicboards aus. Damit ist ein Interessenskonflikt vorprogrammiert: Chefin Katja Lucker und Team entscheiden nämlich über die eingereichten Festival-Konzepte Berliner Veranstalter, gleichzeitig machen sie selbst eins. Das passt nicht zusammen. Einerseits bindet das Festival viel Energie seitens des musicboards, welches sich doch eigentlich auf die Ermöglichung von Veranstaltungen und Kreativität anderer konzentrieren sollte – andererseits führt das zu Misstrauen von Kreativen und Veranstaltern, die eigentlich diejenigen sein sollten, die vom musicboard profitieren.

Sollte Michael Hilgers Befürchtung zutreffen, ist der langfristige Effekt des „Pop-Kultur“-Festivals genau das Gegenteil, was die Einrichtung des musicboards eigentlich bewirken sollte. Denn das exzellent kuratierte Festival des „VEB Pop-Kultur“ macht am Ende unabhängigen Veranstaltern das Leben schwerer. Es könnte so mittel- und langfristig die Vielfalt im Berliner Veranstaltungskalenders verringern, weil kleine kommerzielle Veranstalter Künstlern die guten Konditionen und Extras des „Pop-Kultur“-Festivals anbieten können. Eine solche Entwicklung dürfte wohl nicht im Interesse des Kultursenators Klaus Lederer (Linke) sein, der die Förderung der Berliner Popkultur beaufsichtigt. Denn das Ziel sollte sein, dass es mehr und öfter erfolgreiche und vielfältigere Pop-Kulturen in Berlin gibt – statt eines einzigen Prestige-Festivals, bei dem Kulturpolitiker und Fans sich staatstragend am kunstvoll eingehegten Exzess erfreuen.

(Info: Auch BLN.FM hat sich in den Vorjahren mal erfolgreich, mal unerfolgreich um eine Projektförderung für ein Nachwuchsprojekt seitens des musicboards bemüht.)

Eine Antwort zu „„Pop-Kultur“: Killt das Festival unabhängige Konzertveranstalter?

  1. „Doch mittlerweile macht das Festival mit einem Gesamtbudget von weit mehr als 1 Mio Euro ungefähr die Hälfte der gesamten Ausgaben des musicboards aus. Damit ist ein Interessenskonflikt vorprogrammiert: Chefin Katja Lucker und Team entscheiden nämlich über die eingereichten Festival-Konzepte Berliner Veranstalter, gleichzeitig machen sie selbst eins.“

    Das Festival Pop-Kultur wird aus separaten Geldern hauptsächlich bestehend aus EFRE-, Landes, und Bundesfördermitteln bestritten. Das Budget wird vom normalen Geschäftsbetrieb getrennt gehalten. Ebenso gibt es ein eigenes Team aus Kuratoren, Festivalmanagement usw., es werden nur in geringem Maße personelle Kapazitäten des Musicboard Geschäftsbetriebs gebunden (Katja Lucker – übergeordnetes Management und anteilig Mitarbeit Administration).

    „Einerseits bindet das Festival viel Energie seitens des musicboards, welches sich doch eigentlich auf die Ermöglichung von Veranstaltungen und Kreativität anderer konzentrieren sollte…“

    Die Geschäftsführerin des Musicboards entscheidet nicht über die zu fördernden Projekte. Für die Vergabe der Mittel sind Juries eingerichtet, die dem Senator für Kultur und Europa Vorschläge zur Förderung unterbreiten. In letzter Instanz entscheidet der Senator.

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