10x re:publica: Fake, Liebe und Sex

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Vom 8. bis 10. Mai 2017 fand in Berlin die 11. jährliche re:publica statt, diesmal unter dem Motto „Love Out Loud“.  Längst ist die re:publica viel mehr als nur ein Debattierclub für Blogger, YouTuber und Medienmacher: Firmen rekrutierten neues Personal und Bundesminister redeten sich für den Wahlkampf heiß. Denn spätestens das Smartphone hat digitale und analoge Gesellschaft weitestgehend miteinander verschmolzen: Was im Internet passiert ist sehr real. Und umgekehrt. Hier 10 wichtige, spannende und skurrile Erkenntnisse, die wir auf der „re:publica 2017“ hatten.

1. Im „Kampf gegen Terrorismus“ geht’s vor allem gegen die Meinungsfreiheit.

Herrscher und Diktatoren, aber auch Unternehmen, haben Angst vor Journalismus: Berichterstattung, die nicht 1:1 ihre Sichtweise spiegelt, labeln sie als  „terroristisch“ oder „Fake News“. Auf der Eröffnungsveranstaltung der re:publica sprachen 2017 Journalisten, die in ihren Heimatländern verfolgt wurden. Standing Ovations gab es für Can Dündar, Ex-Chefredakteur der türkischen Tageszeitung Cumhuriyet. Er sagt: „Für Journalisten im Westen ist die Freiheit der Presse ein normaler Teil des Lebens. In der Türkei müssen wir jeden Tag für die Freiheit der Presse kämpfen – manchmal auf Kosten unseres Lebens.“

2. Der Kampfbegriff „Fake News“ verschleiert mehr als er offenlegt.

https://twitter.com/asteinst/status/861875103730200576

Zahlreiche Panels und Vorträge beschäftigten sich 2017 mit „Fake News“, die Verbreitung von halbwahren Nachrichten oder kompletten Lügen. Dummerweise war es der US-Präsident Donald Trump, der das Label erst richtig populär machte. Diesen Kampfbegriff darf man deshalb nicht einfach so übernehmen, findet Niddal Salah-Eldin, die Social Media-Chefin von WeltN24. Sie will das Modewort „Fake News“ begraben, weil unter dem  Begriff komplett Unterschiedliches zusammengefasst wird: Falschmeldungen, bewusst gestreute Propaganda oder simple handwerkliche Recherchefehler. Es macht eben einen einen Unterschied, ob sich bei der schnellen Arbeit zwischen Redakteuren inhaltliche Fehler einschleichen oder ob ein Geheimdienst gezielt eine Kampagne mit Falschinformationen lostritt.

3. Das Internet verbindet die Welt – und spaltet sie.

Eigentlich dachten wir, dass dank Internet, wo jeder über sechs Ecken jeden anderen erreichen kann, die Unterschiede zwischen Menschen viel einfacher überbrückt werden können. Das Gegenteil ist der Fall: Als „Clash of Digitalizations“ bezeichnet Saud Al-Zaid die Wirkung der Medien auf den Konflikt zwischen dem Islam und westlichen Welt: Die jeweils überwiegend negative Darstellung der Seiten übereinander schürt Ängste auf der einen und Zorn auf der anderen Seite.

4.  Die Stories der Zukunft werden mit Snapchat erzählt.

Ist Snapchat nur eine Plattform für Teenies, die sich dort aus Langeweile lustige Bildchen schicken? Claas Weinmann von der BILD-Zeitung sagt, dass Journalisten mittels der Plattform auch knallhart das Weltgeschehen berichten können – und damit auch viele Nutzende erreichen, die keine Zeitung mehr lesen oder Fernsehnachrichten sehen. Seine Snapchat-Reportage vom Kampf zwischen ISIS und Kurden um die irakische Stadt Mossul erreichte so ein weltweites, großteils neues Publikum.

5. Die Bundesregierung sagt: Wir sind noch nicht bereit für das „Bedingungslose Grundeinkommen“.

Andrea Nahles, Bundesministerin für Arbeit und Soziales, wollte klären, ob es nun endlich Zeit wird für ein „bedingungsloses Grundeinkommen“ in Deutschland. Doch auch wenn sie die Idee prinzipiell nicht falsch findet, sei die Zeit noch nicht reif: Ein „Grundeinkommen“ laufe darauf hinaus, dass noch mehr Menschen vom Staat abhängig würden, argumentierte Nahles.

Für Aufregung sorgte danach der Deutschlandfunk, der die Bundesminsterin mit einem verkürzten Zitat schlecht dastehen ließ. Die Social Media-Redaktion lancierte ein Bild, dass mittels eines verkürzten Zitates Nahles unterstellte, sie sei gegen das Grundeinkommen, weil dann niemand mehr „schlechte oder niedrig bezahlte Arbeit“ verrichten würde. Doch die Ministerin sieht’s ein bisschen komplizierter: wenn ein bedingungsloses Grundeinkommen dazu führen würde, überdenkt sie ihre Position, so Nahles. Durch die Verkürzung wurde ihr Statement in das Gegenteil verkehrt. Wenn selbst unverdächtige, seriöse Radioanstalten anfangen, Falschmeldungen zu verbreiten – welchen Medien kann man dann überhaupt noch vertrauen?

6. Cool bleiben: Die Bundestagswahlen werden nicht durch Propaganda aus dem Netz entschieden.

Werden die Wahlen 2017 im Netz entschieden? Trotz Social Bots, zielgerichtete Adressierung von Wahlwerbung und Daten-Leaks sehen die Politiker in Deutschland – zumindest auf der re:publica – den kommenden Bundestagswahlen gelassen entgegen. Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, und ein Tweet entscheidet keine Wahl, so lautete der Tenor. Dennoch wird das Internet für den Wahlkampf genutzt – da waren sich die Diskutierenden einig.

7. „Pokemon Go“ ist nur der Anfang: Geschichten werden künftig auch ortsabhängig erzählt.

John Gaeta vom ILMxLAB sprach über de Möglichkeiten von immersiven Storytelling am Beispiel „Star Wars“. Schon bald könnte es Fans der Space Opera möglich sein, die weit, weit entfernte Galaxie ganz auf eigene Faust zu bereisen – sei es in einer erweiterten oder einer komplett virtuellen Realität. Die Verschmelzung von Film, Videospiel und Live-Event, die heute schon in modernen Freizeit-Parks umgesetzt ist, wird in den nächsten Jahren auch in Wohnzimmern auf der ganzen Welt Einzug halten, so Gaeta. Gleichzeitig betont er: auch nach dieser technische Revolution bleibt „Content“ – also Plot, Charaktere und szenarische Ausgestaltung selbst – King.

8. Science Fiction ist mehr als nur „Märchen“.

Bei der Vorstellung ihrer Science Fiction-Lieblingsbücher betonte Katja Böhne von der Frankfurter Buchmesse, wie wichtig das Genre für Gesellschaft, Politik und Wissenschaft ist. Das Science Fiction Realität werden kann, zeigt ein Klassiker wie die Überwachungs-Dystopie „1984“ eindrucksvoll. Doch auch Utopien können wahr werden, so ist Böhne überzeugt. Doch es ist an uns! Eltern und Pädagogen sagt sie deshalb: „Kinder brauchen Science Fiction!“ Woher sollen sie sonst die Idee bekommen, dass eine andere Welt möglich ist?

9. „Queerbaiting“  ist keine Repräsentation.

https://twitter.com/sprachskepsis20/status/862266769347629056

ARD und ZDF enaggieren sich auf YouTube mit den Funk-Netzwerk, in dessen Kanälen auch „schwierige“ Themen für gesellschaftliche Minderheiten behandelt werden. Produzent Thilo Kasper und Kollegen saßen deshalb auf einem Podium, wo es um die Schwierigkeiten der Darstellung von Queers, also allen, die nicht heterosexuell sind, in den Medien ging. Auffällig: „Queerbaiting“ in Marketing-Kampagnen ist der Trend. Mit ein paar gut aussehenden Homos zeigen Kreative und Firmen, wie tolerant sie seien. Heiß diskutiert wurde dann auch die gehypte „schwule Rolle“ in der Neuverfilmung von Disneys „Die Schöne und das Biest“. Komplett „überbewertet“ befand das Podium dazu, denn der Nebencharakter hatte keine Bedeutung für die Filmhandlung und die Homosexualität war auch nur zart angedeutet. Im Gegensatz dazu wollen Kaspar und Kollegen Stoffe, die ein queeres Publikum ganz unaufgeregt ansprechen. Zum Beispiel eine Serie mit Protagonisten, deren Andersheit offensichtlich ist, ohne dass sich gleich die ganze Handlung drum dreht. Doch sie befinden: In Deutschland ist es bis dahin noch weiter Weg.

10. Wollen wir das? Ein sozialen Netzwerk, in dem Vibratoren und Kondome miteinander kommunizieren.

Liebe in Zeiten der Digitalisierung hat so ihre Tücken. Dabei sind Tinder, Spotted und Co. fast schon wieder Schnee von gestern. Aus dem Internet der Dinge drängen stattdessen smarte Sextoys in die Schlafzimmer, die kommunizieren. Da gibt es zum Beispiel ein „intelligentes Kondom“. Das kostet zwar satte 40 Euro, dokumentiert dafür aber auch wirklich jedes messbare Detail des Geschlechtsaktes. Wer Freunde und Familie an seiner sexuellen Performanz teilhaben lassen will, kann die so gesammelten Daten auch direkt in den sozialen Medien sharen. Natürlich!

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