Reingehört – The xx, Bonobo, Sohn und A Winged Victory For The Sullen

The xx - I See You Album Cover

The xx – „I See You“

Ich blicke fragend auf das Display des Players. Doch, es spielen tatsächlich The xx. Das britische Trio, bekannt für verträumt-melancholische, skizzenhafte Schmachtfetzen wirft sich auf ihrem drittem Album „I See You“ (Young Turks) hemmungslos dem Mainstream in die Arme. Da muss man sich gelegentlich vergewissern, dass hier nicht der generische“Pop House-Act #234″ aus den Lautsprechern dudelt.

Nicht dass der Weg in den Pop zwangsläufig ein falscher sein muss. Auf Jamie xx 2014 veröffentlichtem Soloalbum „In Colour“ ging diese Rechnung auf. „I See You“ fehlt es aber leider an Substanz. Details und Tiefe früherer Alben fehlen hier weitestgehend und wurden auch nicht durch irgendetwas Interessantes ersetzt. So plätschert die Musik recht beliebig vor sich hin: Nie wirklich schlecht, aber nur selten bemerkenswert. Käme dieses Album wirklich von „Pop House-Act #234“ – niemand würde sich am nächsten Tag daran erinnern.

 

Sohn – „Rennen“

Wohl alle von uns stolpern von Zeit zu Zeit über eine mega-gehypte Platte, mit der wir nicht das geringste anfangen können. Bei Sohns Debütalbum „Tremors“ ging es mir so. Wo Fans funkelnde Electro-R&B-Juwelen hörten, klang für mich alles nach einem faden Produkt, welches im Fahrwasser von James Blake Absatz erzielen sollte. Doch beim Nachfolger „Rennen“ (4AD) hat sich das Blatt gewendet. Viele Fans des Engländers dürften sich von den geradlinigen Pop-Songs auf „Rennen“ vor den Kopf gestoßen fühlen. Tracks wie „Hard Liquor“, „Signal“ und „Dead Wrong“ stehen den souligen Gefilden von Jamie Lidell und Chet Faker deutlich näher als dem intimen, etwas konturarmen Post-Dubstep früherer Tage. Da ist die Kontroverse unter Fans eigentlich schon vorprogrammiert. Für mich hingegen ist „Rennen“ zwar kein großer Wurf, aber deutlich interessanter als sein Vorgänger.

 

Bonobo – „Migration“

Nächster Eintrag im vermeintlichen Kampf „Mainstream vs. Underground“: Bonobo hat seine Feuertaufe in dieser Hinsicht bereits hinter sich. „The North Borders“, das letzte Album des britischen Produzenten, fuhr den jazzigen Downtempo zugunsten von poppigen Soul-Melodien zurück. Einige Fans nahmen ihm diesen Stilwechsel übel – ich nicht. Ja, das Album klang anders. Aber das Songwriting – für Bonobo kann man diesen Begriff schon mal verwenden – war klasse wie eh und je. Für „Migration“ (Ninja Tune) kann ich das leider schreiben. Zwar bedient sich das Album einer große Bandbreite von Anleihen aus House über Hip Hop bis Ambient – doch der zündende Funke bleibt aus, wenn Bonobo zu zaghaft versucht seinen Sound zu modernisieren. Einzig das afrikanisch angehauchte „Bambro Koyo Ganda“ und der Trip Hop-Track „Ontario“ stechen für mich aus dem recht blassen Album heraus.

 

A Winged Victory For The Sullen – Iris Soundtrack

Das schwierige an funktionaler Musik wie Soundtracks ist, dass sie für sich allein oft nur schwer überzeugen kann. „Iris“ (Erased Tapes Records), komponiert von A Winged Victory For The Sullen, mag als Soundtrack eines französischen Thrillers wunderbar funktionieren – doch ohne Film ist auch er eine zwiespältige Angelegenheit. Die Tracks bauen auf die gleiche organische Mischung aus orchestralen und elektronischen Elementen, welche auch die regulären Alben des Ambient-Duos auszeichnet. Da sich Filmmusik jedoch die Audiospur mit Dialogen und Soundeffekten teilen muss, kann das Duo beim Soundtrack nicht mit der selben dichten, detailverliebten Produktion arbeiten, die ihre Musik sonst auszeichnet. „Iris“ ist Filmmusik im modernen Sinne: stimmungsvoll, aber für den Hintergrund gedacht und für sich genommen wenig prickelnd. Funktional eben. Wenn man sich damit anfreunden kann, ist das Album jedoch durchaus hörenswert.

(Foto: The xx – I See You, Album Cover, Promo)

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