Preis für Popkultur – „Vielleicht hab ich Durchfall oder so!“

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Die deutsche Musikbranche hat einen neuen Preis: den „Preis für Popkultur“. Doch die peinliche Premiere am 9.9.2016 im Berliner Tempodrom lässt daran zweifeln, ob diese Preisverleihung eine Zukunft hat.

Denn Nominierte, Preisträger und Publikum schienen an diesem Abend zu signalisieren, dass den neuen Preis wirklich niemand braucht. Gewinner kamen nicht zu Verleihung, der dilettantisch agierende Moderator Bernd Begemann stahl der Preisübergabe die letzte Würde – und auch das mäßig enthusiastische, über-coole Publikum sparte mit Begeisterung.

Bernd Begemann, Fossil der verintellektuellten, superironischen Hamburger Szene forderte gleich zu Beginn der Veranstaltung „mehr Hass in der Popkultur“. Und der erste Auftritt des Abends – Isolation Berlin – zeigte dann auch gleich, was darunter zu verstehen ist: das Trio krakelte in Pseudo-Punk-Manier gesellschaftskritische Plattitüden ins Mikro: „Ich bin ein Produkt, ich will dass ihr mich schluckt!“, glattgebügelt in einem Arrangement wie bei den „Neuen Deutsch-Poeten“. Entsprechend perlte diese etwas pubertäre Gesellschaftskritik beim Publikum spurlos ab – niemand folgte dem Sänger in seinem Bewegungsdrang. Platz genug dafür hätte es vor der Bühne gegeben – die Veranstalter rechneten offensichtlich mit mehr zahlenden Besuchern.

Eines der wenigen Highlights des Abends folgte dann mit dem Auftritt von Bosse.  Der Pop-Rocker trat lediglich mit einem kleinen Teil seiner Originalband auf, den Rest musste er sich aus Berliner Freunden zusammencasten. Ergebnis war ein eher ungewohnter, jedoch durchaus charmanter Sound. Dem Publikum war’s egal – auch nach eher ungeschickten Animationsversuchen von Moderator Bernd Begemann, der ungelenk „Habt ihr Spaß?“ bellte, blieb der Applaus spärlich.

Bosse beim Preis für Popkultur
Also leitete Begemann schnell weiter zur Kategorie „Lieblings-Solokünstler“. Publikumslieblinge waren es jedenfalls nicht – auf jede Nennung der Nominierten gab es nur mäßigen Applaus. Peaches gewann – und von ihr gab’s nicht mal eine Botschaft. Als sie von ihrer Ehrung erfuhr, meinte sie nur: „Ich bin doch eh nur der Alibi-Freak“, berichtete ihre Managerin bei der Entgegennahme.

Moderat beim Preis für Popkultur

Durch Abwesenheit glänzten auch Moderat, Gewinner der Kategorien „Lieblingsband“ und „Lieblingsalbum“. Sven Regeners (Element of Crime) Laudatio auf Moderat fiel genauso minimalistisch aus wie die darauf folgende, aufgezeichnete Danksagung der Band. Immerhin kam er zu Wort, die nächste Laudatorin – Katja Lucker – wurde anfänglich glatt vergessen. „Es ist so geil hier!“, feierte sie dann aber professionell die triste Veranstaltung ab. Dass die Chefin des Musicboard Berlin dieses würdelose Spektakel öffentlich gut finden muss, liegt auf der Hand: die Preisverleihung wurde von ihrer Institution als „Karrieresprungbrett“ gefördert.

Auch nicht anwesend: Jan Böhmermann, der in der Kategorie „Schönste Geschichte“ gleich dreimal nominiert war. Wenig überraschend gewann der Satiriker. Warum er nicht da war? „Sucht euch was aus. Vielleicht hab ich Durchfall oder so!“ – verkündete er in einer Videobotschaft. Dass die Gewinner des Lebenswerkes – Kraftwerk – ebenfalls nicht anwesend waren, wunderte zum Ende des Abends dann wirklich niemanden mehr.

jan boehmermann beim Preis fuer Popkultur

Musikalisch gab es beim Preis für Popkultur nichts auszusetzen: die Hamburger Indie-Band Boy und Raspelstimme-Rapper Casper mit Gastsänger Blixa Bargeld lieferten ordentliche Auftritte ab. Lediglich das Publikum wollte den selbsternannten Experten, der Jury aus Journalisten, Veranstaltern und Labelinhabern, oft nicht folgen. Sie interessierten sich eigentlich nur für Berlins Krawallrapper K.I.Z., deren bloße Erwähnung bei den Nominierungen bereits Begeisterung auslöste. Nur gewonnen haben K.I.Z. eben nichts.

Boy beim Preis fuer Popkultur

Eine Veranstaltung, die sich zum Ziel gesetzt hat, die Lieblinge und Besten der Popkultur auszuzeichnen, sollte sich an denen orientieren, die Kultur zu Popkultur werden lassen – dem Publikum, der „Masse“. Auf dieser Veranstaltung aber feiert sich wieder einmal nur eine bestimmte Gruppe selbst, die behauptet definieren zu können, was im deutschsprachigen Raum auszeichnungsfähiger „Pop“ sei. Die Kriterien allerdings sind  selbst den Beteiligten nicht klar. Ein bisschen kratzbürstig, ein bisschen kuschelig, ein bisschen kritisch, ein bisschen gender-aware. An VIP-Tischen simuliert man auf der Gegenveranstaltung zum Kommerzpreis Echo ein Paralleluniversum, dessen Einwohnern selbst nicht so richtig wissen, ob sie den effektvollen, hirnverbrannten Glamour der MTV-Awards bestaunen oder karikieren wollen. Und wenn man nicht mit den Widersprüchlichkeiten von Pop-Kultur klar kommt, endet das Ganze in einer solch bizarren und bemühten Veranstaltung.

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