Warum die Welt tickt, wie sie tickt – 100 Jahre Gegenwart

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Still aus dem trailer zu „100 Jahre Gegenwart“ im Haus der Kulturen der Welt

Mitten auf dem blitzenden Boden des Foyers vom Berliner Haus der Kulturen der Welt stehen unterschiedlich große Zelte, deren Stoffe halbdurchlässig und in verschiedenen Farben getüncht sind. Trash, vermischt mit Batik-Style – der erste Blick lässt mich beinahe zurückstolpern. Doch wie mit magischer Kraft laden diese offenen und „weichen“ Räume mit Teppichen und Sitzkissen ein. Ist der Entdeckungsgeist erst einmal geweckt, trifft man auf zusammengewürfelte Alltagsgegenstände und verstreute Keramikstücke. Unverzüglich springt man in die Zukunft und blickt auf „unsere Zeit“ zurück: Was würde man denn denken, wäre man Teil dieser Vergangenheit, wie diese Gegenstände einordnen? Ist es überhaupt möglich, sich ein Zusammenleben so vorzustellen?

Die Zeltstadt unter dem Titel „Dehydrierte Landschaft des Zustands” des Schweizer Künstlers Reto Pulfer ist Teil des Masterplans „100 Jahre Gegenwart“ im Haus der Kulturen der Welt. Diese Zelte wirken wie ein Spiegel der gerade mal ein paar Kilometer entfernten, provisorischen Camps für Flüchtlinge. Und machen eine Analyse erfahrbar, die behauptet: Es gibt nicht nur eine starre Gegenwart, an der wir unser Handeln ausrichten. Es ist eher so: Je nachdem, wo wir leben, bewegen wir uns in verschiedenen Räumen, die man mit bestimmten geschichtlichen Epochen und zivilisatorischen Entwicklungsstufen der Menschheit vergleichen könnte. Während in einigen Regionen religiöse Fanatiker Andersgläubige wie im Mittelalter verfolgen und töten, leben in multikulturellen, hyperkapitalistischen Metropolen Menschen unterschiedlicher Herkunft unaufmerksam nebeneinander her.

Mit der Installation präsentierte das Berliner Haus der Kulturen der Welt Anfang Oktober 2015 seinen Themenschwerpunkt für die nächsten 4 Jahre. Bis 2018 soll dort mit Filmen, Vorträgen, Konzerten und Kunst die ganze Weltgeschichte und Politik der letzten 100 Jahre quer angedacht werden. Die Vision dieses Aufklärungsprojekts: Wenn man Vergangenheit und ihre Muster forschend erkennt und sich dem Diktat des Augenblicks auseinandersetzt, kann man Kontrolle über das eigene Tun gewinnen, statt nur im Hamsterrad des „Jetzt“ zu hecheln.

Zur Eröffnung wurden erstmal die Parameter Krieg, Technologie und Zeit gesetzt, um zu erklären, warum die Welt so ist, wie sie ist. In der Folgezeit wird nun an 12 ambitionierten Projekten gearbeitet, die Künstler und Wissenschaftler ihrer kreativen Analyse unterziehen. So stellen sie sich die Frage, wie Menschen wohnen, wie mit Big Data und Datenströmen umgegangen wird und wie Menschen sich Kontrollmechanismen von Politik und Alltag entziehen können.

Nächste Veranstaltungen im Rahmen von „100 Jahre Gegenwart“:

  • „Wohnungsfrage“ – Ausstellung, Publikation und Akademie – 22.10.2015 bis 14.12.2015
  • „TechnoSphärenKlänge“ – Konzertreihe ab 1.11.2015
  • „Chronotopos“ – Film- und Vortragsreihe ab 26.11.2015
Die im Gefängnis geschriebenen Bücher sind an einem Zeitstrahl nach der Länge der Haft eingeordnet / Foto: @ Elisabeth Bracun
Die im Gefängnis geschriebenen Bücher sind an einem Zeitstrahl nach der Länge der Haft eingeordnet / Foto: @ Elisabeth Bracun
Reto Pulfer, Installation, "Dehydrierte Landschaft des Zustands"
Installation im Foyer des HKW „Dehydrierte Landschaft des Zustands“ von Reto Pulfer / @ Elisabeth Bracun
"100 Jahre HKW", Talks
Wissenschaftler und Künstler sind zu einem offenen Diskurs eingeladen. / Foto HKW @Stephanie Pilick
Bernd Scherer, Anselm Franke, "100 Jahre Gegenwart", HKW
Intendant Bernd Scherer (li.) mit Anselm Franke (re.), Leiter des Bereichs bildende Kunst und Film / Foto: HKW @Stephanie Pilick

BLN.FM sprach mit dem Intendanten Bernd Scherer über die Ausstellung „100 Jahre Gegenwart“:

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