Flüchtlinge statt Fashion: Flughafen Tempelhof wird zur Notunterkunft

Flughafen Tempelhof Haupthalle

Not und Mangel machen erfinderisch. Vor allem, wenn die Not mitten in Berlin sichtbar wird. Flüchtlinge campieren tagelang, um einen Platz in einem der überfüllten Aufnahmeheime zu bekommen. Der Senat schätzt,  dass noch bis Ende 2015 45.000 Menschen einen Asylantrag in Berlin stellen werden (tagesspiegel.de).  Am 1. September kamen allein 480 Menschen nach Berlin, die zuvor über Ungarn nach München geflüchtet waren (focus.de).

Wie kann Menschen, die vor Krieg, Terror und Perspektivlosigkeit flüchteten, schnell Obdach geboten werden? Die Verwaltung ist überfordert, die Warterei zerrt an den Nerven der Flüchtlinge. Am 1. September resultierten daraus Tumulte vor der LAGESO – ein Vorgeschmack, wenn nicht bald Lösungen gefunden werden.

Größtes Problem: wo sollen die Neuankömmlinge untergebracht werden, wenn schon Berliner über den Wohnungsmangel klagen? Der Senat ging auf Suche. Er hat ein leerstehendes Rathaus in Wilmerdorf gefunden und ungenutzte Räume in Kasernen. Tagelang kursierte das Gerücht, einzelne Hangars und die Empfangshalle des Flughafens Tempelhof soll zum Flüchtlingsheim werden. Hindernis: Dort findet halbjährlich die Bread & Butter-Modemesse statt. Zwischendurch wird an weitere Firmen-Veranstaltungen vermietet.

Flüchtlinge und Fashionistas auf engen Raum, Bread & Butter-Organisator Zalando findet dieses soziale Experiment wenig reizvoll. Pressesprechering Anja-Maria Kattner gab dazu folgendes Statement: „Wenn, wie in der Öffentlichkeit gerade diskutiert, die Haupthalle zentrale Registrierungsstelle würde und in den Hangars Europas größte Flüchtlings-Notunterkunft entstünde, dann könnte unser Konzept für die neue ‚Bread & Butter‘ nicht wie geplant umgesetzt werden.“

Laut Tagesspiegel ist erstmal geplant zwei Tempelhof-Hangars als Notunterkunft zu verwenden. Dabei ist unklar, wie die Flüchtlinge menschenwürdig in den Hangars untergebracht werden sollen. Wo sonst Konzerte und Events steigen, existiert keine Privatsphäre. Zudem sind die sanitären Anlagen dürftig. Genau das war auch der Grund, warum das Tempelhof-Gelände noch 2014 als Flüchtlingsunterkunft abgelehnt wurde (tagesspiegel.de). Ob stattdessen andere Bereiche des Flughafens genutzt werden sollen – beispielsweise die ehemaligen Gästehäuser der amerikanischen Allierten – darauf gab es von den zuständigen Behördern keine Antwort. (Morgenpost)

Der Modekonzern Zalando jedenfalls hat seine Konsequenzen gezogen: die „Bread & Butter“-Messe für Januar 2016 ist abgesagt. Flüchtlinge und Modebetrieb passen eben nicht zusammen.

(Foto: Tempelhof Projekt GmbH, mit freundlicher Genehmigung)

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