Berliner SPD entdeckt K.O.-Droge GHB

This Place K.O. - Flickr:  ctot_not_def (CC BY 2.0) (bearbeitet)

Es muss ein lauschiger Fernsehabend gewesen sein, der dem Vorsitzenden der Berliner SPD-Fraktion Raed Saleh die Augen öffnete. Er sah einen Beitrag über K.O.-Tropfen in der Berliner Clubszene, erzählte er auf einer Diskussion zu Drogen und Clubs, zu der clubkommission und SPD am 27.8. ins Ritter Butzke in Berlin-Kreuzberg geladen hatten. Seitdem ist Raed Saleh besorgt und beschäftigt sich intensiver mit Drogen in Clubs. Dabei kam ihm die Erkenntnis: trotz Horror-Geschichten, die immer mal wieder über Vergewaltigungen mittels K.O.-Tropfen kursieren, bringen Verbote wenig, Aufklärung mehr. Was bleibt auch anderes übrig? Wenn jeder für 80 Euro pro Liter die Zutaten für eine Vorstufe zu GHB erwerben kann, dann ist es illusionär anzunehmen, man könnte verhindern, dass die Droge kursiert. Es sei denn, die Polizei stürmt die Clubs, wie es in Berlin noch bis Mitte der 2000er ab und an passierte. Das wiederum wollen die Berliner Politiker nicht: sie finden Clubs als Wirtschaftsfaktor zu wichtig, als dass man schnell mal eine Hundertschaft hin schickt um die rauschende Party abrupt zu beenden.

K.O.-Tropen und GHB war ein unglücklich gewählter Aufhänger für die Diskussion um die neue Drogenstrategie der Berliner SPD. Denn zur Verbreitung von GHB als Party-Droge weiß man nichts; niemand zählt die Einsätze, die jedes Wochenende GHB-Opfer von Clubs direkt in die Notaufnahme bringen. Die „therapeutische Breite“, also der Bereich von Gebrauch und Missbrauch sei äußerst gering, sagt Expertin Astrid Leicht von Fixpunkt e.V., einem Berliner Verein, der Drogen-Aufklärung leistet. Und wenn die sogenannten K.O.-Tropen im Getränk untergemischt werden, kann das nach mehreren Stunden auch nicht mehr nachgewiesen werden. So bleiben die Fallzahlen im Dunkeln, Politiker und Experten diskutieren um eine Dunkelziffer. Man weiß dass Drogenmissbrauch existiert und Opfer fordert. Aber wie so oft: ob es traurige Einzelfälle sind oder ein Massenphänomen ist – die Einschätzung folgt dem Bauchgefühl. Es scheint Ehrgeiz und Phantasie zu fehlen, wie Daten betreffend GHB-verursachter Zusammenbrüche in Clubs gesammelt werden können. Der Eindruck entsteht dass weder Politik noch Clubs es eigentlich genau wissen wollen.

Auch abseits von GHB weiß man recht wenig, welche Drogen in welcher Qualität in den Clubs kursieren, sagen Drogenberater. Das wird sich so schnell auch nicht ändern. Mitte der 1990er sprengte die Staatsanwaltschaft das Projekt Eve & Rave, das an der Berliner Charité Extacy-Pillen aus den Berliner Clubs analysierte. Seit dieser Zeit wird nicht mehr unabhängig analysiert und veröffentlicht, welche Drogen in Berlin im Umlauf sind. Nur das Landeskriminalamt weiß Details, aber es teilt seine Daten nicht mit der Öffentlichkeit. Warum das so ist? „Druffis“ und Gelegenheitsnutzende benötigen anscheinend keinen „Verbraucherschutz“ und sollen durch die Unsicherheit des Konsums abgeschreckt werden. Doch diese Strategie bringt Menschen in Gefahr. Deshalb versucht der SPD-Experte Thomas Isenberg innerhalb von Berlins Regierungskoalition dafür zu werben, dass die rechtliche Grundlage für Drugchecking-Projekte in Berlin endlich geklärt wird. So sollen zukünftig nicht nur kurzfristige Modellprojekte starten können, sondern Drogenberatung in Clubs langfristig gewährleisten. Ob er dabei erfolgreich sein wird? Ungewiss. Bislang setzte die CDU, auf „Null Toleranz“ und verzögerte Projekte der Drogenaufklärung. Und das wird sich wohl wenig ändern: die Hoffnung auf einen Modernisierungsschub in der CDU ist nach der Ablehnung der gleichgeschlechtlichen Ehe geschwunden.

(Foto: ctot_not_def (CC BY 2.0))

Kommentar verfassen