Wie lange wird es SoundCloud noch geben?

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Kann man eine Geschäftsidee innerhalb einer rechtlichen Grauzone starten? Wenn man im Internet erfolgreich sein will, dann musste man es sogar. Wie Youtube und Facebook gehört auch SoundCloud zu den Gründungen, die Nutzern etwas lieferten, welches ihnen das Urheberrecht am liebsten verwehren wollte: Musik ohne Limit, kostenlos! Die Berliner Firma erkannte schon eher als andere, dass die Zukunft im Streaming liegt – und sammelte so nach eigenen Angaben 175 Millionen monatliche Nutzende und mittlerweile 40 Milionen registrierte Nutzende. Viele davon sind selbst Musikproduzenten, die per SoundCloud ihre Fans erreichen wollen – mit neuen Tracks, Re-Edits oder Remixen.

Doch die wilden Tage von SoundCloud sind vorbei. Denn der Erfolg hat seinen Preis: mehr Nutzer, die Daten hochladen und abrufen – mehr Kosten für die Speicherwolke. Und dann existiert noch die ungeklärte Rechtelage. Denn eigentlich war das Angebot von SoundCloud illegal: viele Uploader holten sich nicht die Erlaubnis ein, ob sie einen Track oder Mix mit Material hochladen dürfen. Sie taten es einfach. Ist ja umsonst und „unkommerziell“.

Doch die Zeiten haben sich geändert. „Streaming“ ist das Geschäftsmodell, das die Musikindustrie derzeit sexy findet. Es wird zu einer der Haupteinnahmequellen, die Umsätze über Spotify steigen steil an. Wer kauft schon Musik, wenn man Musik auf Plattformen unbegrenzt „vorhören“ kann? Die meisten Nutzer werden in Zukunft Musik aus der Cloud streamen: SoundCloud ist deshalb nicht mehr einfach eine Promo-Plattform, sondern wird zu einem Angebot, mit dem Labels Geld verdienen wollen und müssen.

SoundCloud ist keine Promo-Plattform mehr

Das bedeutet: Verträge müssen her. Seit vielen Monaten verhandelt SoundCloud mit den großen Plattenfirmen, damit das Repertoire legal genutzt werden kann. Besonders problematisch: Remixe. Mit Warner kam es 2014 zu einer Einigung. Anfang Juni 2015 folgte eine Übereinkunft mit 20.000 Indie-Labels, die durch den Verband Merlin repräsentiert werden. Mit den Verträgen wird SoundCloud zugleich gezwungen, dafür zu sorgen, dass Geld eingenommen wird. Denn die Rechteinhaber erlauben die Nutzung in der Erwartung, dass Geld fliesst – und zwar nicht erst irgendwann, sondern so bald wie möglich.

In den USA hat SoundCloud schon begonnen, Geld einzusammeln. Denn das Geld, das durch das ursprüngliche Geschäftsmodell eingenommen wird, reicht nicht. Zuerst zahlten Kreative für ihre erweiterten Profile und mehr Speicherplatz auf SoundCloud. Nun soll Geld von Werbekunden kommen, die vor Tracks Audioclips schalten können. Für die ersten sechs Monate hat SoundCloud eine Million Dollar Werbegelder an über 100 Rechteinhaber verteilt, berichtet Digital Music News im März 2015. Da bleibt pro Label und Künstler nicht besonders viel.

Doch bald sollen auch „normale“ SoundCloud-Nutzende zahlen. Nutzende sollen künftig eine Abo-Gebühr entrichten, um der Werbung zwischen den Tracks zu entgehen.  Dieses Modell kennt man von anderen Streaming-Plattformen wie Spotify. In den USA starten die Versuche von SoundCloud endlich Geld zu verdienen schon bald, in Deutschland ist die Einführung des Modells wegen der Hartnäckigkeit der GEMA eher ungewiss. Hier bekommen alle nur die Kollateralschäden zu spüren: Uploads, die plötzlich nicht mehr verfügbar sind.

Kreative hassen Soundcloud wegen Kollateralschäden der Legalisierung

Aber ziehen die Nutzer mit? Viele der aktiven Nutzenden vergrault SoundCloud gerade: DJs und Produzenten, die auf der Plattform ihre Mixe und Remixe zur Verfügung stellten. Das rudimentäre Rechtemanagement von SoundCloud sorgt dafür, dass DJ-Mixe, Remixe und Re-Edits verschwinden, nachdem der Algorithmus Tracks gefunden hat, welche zum Repertoire von Indies und Majors gehören. Beteiligte können danach nicht angemessen reagieren und Ärger ist vorprogrammiert. Das gilt besonders dann, wenn Produzenten ihre eigenen Tracks auf ihr SoundCloud-Profil hochladen, die sie an Label lizensiert haben. Denn viele Labels sperren die Veröffentlichung von Tracks auf Kanälen, die nicht von ihnen selbst kontrolliert werden und Musik kostenlos verbreiten, die eigentlich noch „verkauft“ werden soll. Manche cholerischen Musiker verstehen die Welt nicht mehr – „Go, Fuck yourself“ motzt ein DJ wie Alkalino, der Re-Edits am Fliessband produziert.

Seit Juni limitiert SoundCloud auch die Nutzung der Plattform durch Dritte: Am 18. Juni kündigte die Berliner Firma in ihrem Backstage-Blog an, dass künftig per Fremd-App nicht mehr als 15.000mal pro Tag direkt auf Einzeltracks zugegriffen werden kann. Schließlich verdient SoundCloud nichts, wenn Tracks auf Apps wie Beatguide gestreamt werden. Dazu kommt, dass externe Zugriffe von einigen Promotern dazu genutzt werden, die Anzahl der Zugriffe für Tracks in astronomische Höhen zu treiben. Gefälschte Abspielzahlen sind schlecht für eine Plattform, in denen die gezählten Plays regeln sollen, wieviel ausgezahlt wird.

Die Reaktion innerhalb der Community war vorhersehbar: Anfeindungen. Die Kreativen, SoundCloud-Kunden der ersten Stunde, fühlen sich enteignet. Sie entziehen der Firma mit großer Lautstärke das Vertrauen und hauen ab. Bestärkt werden sie durch eine Kommunikationspolitik, die sich einsilbig gibt und Entwickler, Künstler und Label, deren Geschäftsmodell durch Änderungen betroffen sind, auf „irgendwann in der Zukunft“ vertröstet. In der Nische bröckelt somit die Nutzerbasis. Das einzige, was viele bei SoundCloud hält ist der Lock In-Effekt ähnlich wie bei Facebook: Kreative wollen mühsam eingesammelten Fans nicht wieder verlieren. Denn nach wie vor sind SoundCloud-Plays und Follower-Zahlen eine Währung für Bookings und Plattenverträge.

SoundCloud braucht Geld, Geld, Geld

Für das Unternehmen SoundCloud selbst wird die Luft hingegen dünn. „Insider“ streuen über Digital Music News das Gerücht, dass dem Berliner Start Up zum Jahresende 2015 das Geld ausgehen könnte. Denn die Firma macht Miese: 2013 ungefähr 30 Millionen Euro. Zahlen für 2014 sind nicht publik. Die Aussichten auf neues Geld sind hingegen schlecht. Geldgeber wollen Verträge mit Rechteinhabern sehen. Doch Vertragspartner wie Sony und Universal wollen für ihr Repertoire hohe Vorabzahlungen – nicht bezahlbar für SoundCloud ohne das zusätzliches Kapital. Darüber hinaus wollen sie Firmenanteile an SoundCloud, ähnlich wie Warner, denen mittlerweile 5% von SoundCloud gehört. Mittlerweile wird die Musikindustrie  ungeduldig: Damit es zu einer Lösung drohen sie SoundCloud in den USA wegen massiver Urheberrechtsverletzuungen zu verklagen.

Derweil eröffnet SoundCloud eine repräsentative Firmenpräsenz in New York, um im Kernmarkt USA erfolgreich zu werden. Kosten: 3,4 Millionen Euro im Jahr. Dort sollen die Werbekunden und zahlende Abonnenten akquiriert werden. Wer weiss, wie lange die grosszügigen Loft-Räume im Berlin-Prenzlauer Berg SoundCloud-Hauptquartier bleiben.

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