Wie gerechtfertigt ist die Panik um die „Panoramafreiheit“?

Bis letzte Woche kannte so gut wie niemand den Begriff „Panoramafreiheit„. Damit ist gemeint, dass man alles fotografieren kann, was im öffentlichen Raum zu sehen ist und diese Fotos veröffentlichen und verkaufen kann, ohne sich darüber Gedanken zu machen, dass es sich vielleicht um Kunstwerke handelt. So zum Beispiel das Jüdische Museum Berlin von Daniel Libeskind oder das Holocaust-Mahnmal von Peter Eisenman. Denn auch Architektur ist Kunst und geschützt durch das Urheberrecht. Das besagt: wer ein Kunstwerk oder eine „Kopie“ oder „Version“ davon in Umlauf bringt – der braucht dazu die Erlaubnis vom Künstler. Oder dem, der dem Künstler das Recht auf Nutzung „abgekauft“ hat. Denn ein Künstler oder sein Vertreter darf bestimmen, wie mit seiner Arbeit Geld gemacht wird.

Für Fotos von Kunst und Architektur im öffentlichen Raum galt in Deutschland bislang eine Ausnahme vom Urheberrecht – die „Panoramafreiheit“. Sie konnten einfach geknippst, veröffentlicht und zu Geld gemacht werden, ohne vorher den Künstler zu fragen. Jetzt will die EU das Urheberrecht reformieren. Im Zuge dessen beantragte der französische Abgeordnete Jean-Michel Cavada, dass nun festgeschrieben werden soll, dass die „gewerbliche“ Nutzung solcher Fotos nur noch mit Genehmigung erfolgen darf. Das Problem: Was ist unter „gewerblicher Nutzung“ zu verstehen? Sind davon auch Nutzer betroffen, die ihre Fotos auf Plattformen wie Facebook hochladen? Schließlich werden die doch mit Werbung finanziert! Das befürchten Piraten-Abgeordnete Julia Reda und wikimedia – und starteten die Kampagne „Rettet Sie die Panoramafreiheit!„, welche mittlerweile über 200.000 Menschen unterschrieben haben. Nicht ohne Panikmache: Denn anders als dort dargestellt wird, soll das private Selfie vorm Holocaust-Mahnmal, das auf Facebook oder einer Internet-Partnerbörse kursiert, nicht zum Fall für Abmahnanwälte werden. (Obwohl es in diesem Fall vielleicht ganz gut wäre!) Dennoch: ob die Veröffentlichung auf Facebook, Instagram oder Twitter zweifelsfrei „gewerbliche“ Nutzung darstellt, das müssten die Macher der Gesetze vorab klären.

Von der Neuregelung betroffen sind hingegen Fotografen und Blogger, die sich mit Architektur und Reise-Themen beschäftigen. Wenn sie für jedes abgebildete Gebäude, dessen Architekt nicht schon vor 70 Jahren verstarb, eine Genehmigung einholen müssten, dann fotografieren sie nicht mehr – sondern ersticken in Papierkram. Wie Remixer den Original-Künstler hätten sie nach Abschaffung der „Panoramafreiheit“ Architekten oder dessen Bauherrn um Erlaubnis für die Nutzung der selbst aufgenommenen Bilder fragen müssen. Die können dann eine Erlaubnis davon abhängig machen, ob ihnen die Arbeit des Fotografen gefällt.

Auf dem Flughafen Tempelhof gibt’s auch ohne neuem EU-Gesetz keine Panoramafreiheit, dennoch kursieren Fotos

Am 9. Juli will das EU-Parlament nun über die „Panoramafreiheit“ entscheiden. So wie es jetzt aussieht, hatte die Kampagne Erfolg – und die „Panoramafreiheit“ könnte dann auch in Ländern wie Frankreich und Italien eingeführt werden. Doch damit ist die Diskussion um die Nutzung von Fotos aus dem öffentlichen Raum ist nicht aus der Welt. Problematischer ist der Umstand, dass nicht jede Straße oder Park so „öffentlich“ ist, wie es viele annehmen. So ist das Tempelhofer Feld kein „öffentlicher“ Raum – sondern ein Park, der von der Grün Berlin verwaltet wird. Wer dort Fotos macht, um sie später vielleicht gegen Geld zu veröffentlichen, ist streng gesehen ein Gesetzesbrecher, der vom Sicherheitsdienst entfernt werden kann. So passierte es 2011. Bis auf diesen Vorfall ist jedoch nicht bekannt, ob auf Tempelhof dieser Punkt der Hausordnung durchgesetzt wird. Abmahnungen von Nutzern, die Tempelhof-Bilder auf Facebook hochluden, sind bislang noch nicht bekannt.

(via: Mit Vergnügen,  Süddeutsche, Simon Weiss)

 

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