Remix oder „Hommage“? – Tresor laviert im Shitstorm

tresor276 - original sleeve - juno

Die Berliner DJ und Produzentin Dasha Rush traute ihren Ohren nicht: als sie die aktuelle Veröffentlichung des „mysteriösen“ Confucio auf Tresor Records hörte, kam ihr der Track sehr bekannt vor. Der erste Track klang in weiten Teilen exakt wie „Blue Mood“ von Stanislav Tolkachev, der zweite Track hörte sich verdammt nach einem Track von Alexej Volkov an. Beide bereits vor Jahren erschienen. Die Labelchefin von Full Panda, häufig zu Gast im Tresor, publizierte öffentlich ihren Ärger auf Facebook. „Plagiat“ wertete sie – und die Geschichte wurde von Resident Advisor aufgegriffen.

Hinter den Kulissen des Tresors musste schon zuvor etwas passiert sein. Confucio wurde für die Party zur Veröffentlichung am 17. April ausgeladen, obwohl man ihn sogar nach Berlin fliegen ließ. Am 20. April zog das Label die EP komplett zurück.

In einem Statement per Resident Advisor ließ Tresor Records verlauten:

„… Unfortunately, we were recently made aware that two of the three titles in question had been produced using works from other producers. … Tresor’s standpoint on the issue is clear. Tresor.276 stock is also currently getting recalled and deleted, as well as taken down from digital stores.“

(„Unglücklicherweise wurde wir vor kurzem aufmerksam gemacht, dass zwei der drei Titel unter Nutzung von Werken anderer Produzenten produziert wurden… Der Standpunkt von Tresor ist eindeutig. Tresor.276 wird sofort zurückgerufen und gelöscht, wie auch von den digitalen Stores gelöscht.“)

So klar, wie es das Statement darstellt, war der Standpunkt des Labels aber dann doch nicht immer. Denn auf der Hülle der Vinyl-Veröffentlichung – wie sie beim Online-Plattenhändler Juno noch zu sehen war – prangt ein Aufkleber, auf dem die Quellen der Tracks korrekt angegeben waren: Stanislav Tolkachev und Alexej Volkov. Tresor Records wusste also von der Herkunft der Tracks – und zwar nicht erst seit Ende letzter Woche. Dritte hatten das Label darauf aufmerksam gemacht.

Hinter dem Pseudonym verbirgt sich der Techno-Produzent Emmanuel Beddewela. Der versteht seine Versionen nachträglich als „Hommage“. Auf Facebook und gegenüber den Musikern entschuldigte er sich für die ungefragte Verwendung von Teilen der Tracks. Prägnante Passagen hätte er als eine Soundspur von einem engen Freund bekommen und nahm an, dass dieser sie selbst eingespielt hätte, sagt er BLN.FM. Erst hinterher sei er von Tresor darauf hingewiesen worden, dass es sich um Samples anderer Tracks handelte. Kann man glauben – oder auch nicht. Hinter den Kulissen wurde dann in der Folge verhandelt: Emmanuel Beddewela war bereit auf die Namensnennung im Zusammenhang zu verzichten, Tresor wollte die Platte trotzdem erscheinen lassen, man holte die Lizenzen bei den Original-Produzenten nachträglich ein. Offen bleibt: Was hat sich kurz vor der Veröffentlichung geändert, dass Tresor dann die Notbremse zog?

Geschadet hat die Affäre jedenfalls fast allen: das Traditionslabel Tresor steht doof da. Der Ruf von Emmanuel Beddewela, der das italienische Techno-Label ARTS betreibt, ist ruiniert. Denn nun werden auch andere Veröffentlichungen von ihm unter die Lupe genommen. Ob es sich bei denen vielleicht auch um „Hommagen“ handelt, von denen die, die damit geehrt werden sollen, gar nichts wissen? Nur Stanislav Tolkachev kann sich freuen: sein minimaler, hypnotischer Techno-Track „Blue Moods“, erschienen 2008 auf dem kleinen niederländischen Label Aftertaste, bekam noch mal richtig Aufmerksamkeit.

ConfucioWhere The Logic Ends (Tresor 2015)

Stanislav TolkachevBlue Mood

BLN.FM Interview zum Thema:

 

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