Die Kino-Ritter von Friedrichshain

Tilsiter Lichtspiele

Wer heute an Kinos denkt, denkt vermutlich in erster Linie an Multiplex-Monstren mit 1.000 Sitzen und 2 km-Leinwänden. Dass es auch eine Spur intimer und persönlicher geht, beweisen Kinos wie das „Tilsiter Lichtspiele“ in Friedrichshain. Hier hat man nicht nur eine inzwischen 107-jährige Tradition zu bieten, sondern seit neustem auch einen 2. Kinosaal.

Der wurde am am 1. März mit einer Spezialvorstellung eröffnet: Die Künstlergruppe „Arbeitsgruppe 1“, welche das Kino seit 1994 leitet, holte nochmal die alten, selbstgemachten Filme aus dem Keller. Mit Werken wie „Die Wahrheit über die Stasi“ frönte man ganz dem anarchischen DIY-Kino der frühen 90er – falsche Bärte und Trabi-Verfolgungsjagden inklusive.

Werner Gladow vom Tilsiter Lichtspiele

So viel Idealismus ist in der Kinolandschaft selten geworden – das betrifft Filmemachen und Filme zeigen gleichermaßen. Was treibt einen also dazu, noch ein Kino zu betreiben? In Zeiten, in denen selbst brandaktuelle Filme lediglich 2 illegale Klicks entfernt sind? „Halb so wild“, findet Werner Gladow, einer der Betreiber der „Tilsiter Lichtspiele“. In einer so großen, wie vielfältigen Stadt wie Berlin, gäbe es auch ausreichend Interesse an gut gemachtem Indie-Kino. Davon bietet das Tilsiter Lichtspiele die ganze Bandbreite. Von Hollywood-Big Playern wie „Boyhood“ und „Birdman“ bis hin zu Low Budget-Produktionen aus allen Teilen der Welt. Ein gewisser Schwerpunkt auf deutschem – und besser noch – Berliner Kino dürfe dabei natürlich nicht fehlen, ergänzt Gladow.

Eine gehörige Portion Enthusiasmus und Einfallsreichtum ist für den Job auch hilfreich: Für den neuen, knapp 20 Plätze umfassenden Saal räumten Gladow & Co. einen alten Lagerraum. Neben seiner Funktion als Kino dient das „Tilsiter Lichtspiele“ dann auch noch als Brauerei und Kneipe, in der man bei einem hauseigenen Bier noch einmal über den gerade gesehenen Film philosophieren kann. Hausmarke statt HFR und 3D.

Dieses Rundum-sorglos-Paket kam beim Premieren-Publikum des neuen Saales auf jeden Fall gut an. In so familiärer Atmosphäre versteht man doch wieder, warum das Multiplex-Kino nicht genug ist. Warum es Leute braucht, wie diese herrenlosen Kino-Ritter aus Friedrichshain.

https://soundcloud.com/bln-fm/tilsiter-lichtspiele?in=bln-fm/sets/interviews

(Fotos: Tilsiter Lichtspiele & Werner Gladow, Tobias Menzel für BLN.FM)

 

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