Gottesdienst des Elektropop – Kraftwerkmania in Berlin

Kraftwerk, Düsseldorf, 2013, Miroslav Bolek (CC BY-SA 3.0)

Acht Abende hintereinander im Museum: Zur Schließung der Neuen Nationalgalerie am Potsdamer Platz wiederholen die Elektronik-Pioniere Kraftwerk vom 6.1.-13.1.2015 ihre Konzertserie, die sie in den letzten Jahren bereits in New York, London und Düsseldorf veranstaltet haben. Berlins Kultur-Apparatschiks und Medienleuten gefiel die Retrospektive der größten Hits, obwohl die Darbietung seit Jahren gleich ist. Vier Männer hantieren „cool“ hinter Pulten während Elektropop-Klassiker ertönen. Im Hintergrund laufen riesige Computeranimationen. Matthias Wulff in der Berliner Morgenpost war auch angetan, gibt aber zu: „Keine Ahnung, was sie da genau machen in einer komplett choreografierten Show.“ Das Konzept von Kraftwerk ist seit Jahren bekannt und kann auch im Netz besichtigt werden – es reicht aber aus, die schon etwas angegrauten Fans in Verzückung zu versetzen. „Trotz dieser Bilderflut, dem Eindruck, das alles doch schon zu kennen, ist es aber etwas völlig Anderes, das Ganze live zu sehen“ schwärmt Gerrit Bartels im Tagesspiegel.

Mittlerweile sind selbst die Promo-Fotografien der Band museal. Der Fotograf Peter Boettcher bekam von der Musikzeitschrift Spex Anfang der 1990er den Auftrag Kraftwerk im legendären Kling-Klang-Studio in der Nähe des Düsseldorfer Hauptbahnhofs zu fotografieren. Klappte gut, und es wurde eine längere Zusammenarbeit daraus. Die Fotos ergänzen die künstlerische Vision von Kraftwerk, sie zeigen die Band als „Musik-Arbeiter“, die sich einem musikalischen Fertigungsprozess unterordnen. Sie sind bis zum 13.1.2014 in der Galerie pavlov’s dog in Berlin-Mitte zu sehen.

 

Es wurde noch nicht alles zu Kraftwerk gesagt!

Während Kraftwerk in den Museen spielt und strategisch selbst an der Nachwirkung arbeitet, untersuchen Wissenschaftler jeden Aspekt von Kraftwerks Musik und Darbietungen. Am 21. und 22. Januar 2015 treffen sich Kraftwerk-Forschende aus aller Welt an der Aston Universität in Birmingham. Motto: „Industrielle Volksmusik for the Twenty-First Century“. Vorgestellt wird die Musik von Kraftwerk vor dem Durchbruch „Autobahn“(1974) und das kulturelle Umfeld, aus dem die Band kam. Das ehemalige Bandmitglied Wolfgang Flür wird aus seinen Memoiren lesen und Fragen beantworten. Die Mehrzahl der Vortragenden präsentiert jedoch Nachforschungen, welche Folgen die musikalische und visuelle Ästhetik Kraftwerks hatte. Die Band verkörperte in vielen Ländern auf Jahre hinweg das Klischee der deutschen, seelenlosen Mensch-Maschine. Sie verkörperte den auf Effizienz getrimmten, technologischen Fortschritt des deutschen Wirtschaftswunders, eine Entwicklung die zugleich bewundert und gefürchtet war. Aber auch einigen eher abwegigen Spuren wird gefolgt: Welchen Einfluss hatte der Kraftwerk-Song „Tour De France“ darauf, wie Radrennfahren in der Kunst thematisiert wurde?

  • „Kraftwerk – Der Katalog -12345678“ – Neue Nationalgalerie Berlin, ausverkauft
  • Peter Boettcher: „MINIMUM – MAXIMUM“, 6.1-13.1.2015, 16 bis 20 Uhr, pavlov’s dog, Bergstrasse 19
, Berlin-Mitte
  • „Industrielle Volksmusik for the Twenty-First Century“, Ashton University Birmingham, Online-Anmeldung

(via Creators Project, Fact, Vorschaufoto: Kraftwerk, Düsseldorf, 2013, Miroslav Bolek (CC BY-SA 3.0))

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