Das ist im Kino: Abschiedstour per Fahrrad

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Ein Mann kämpft nachts in seiner Wohnung vor regennasser Fensterfront auf seinem Hometrainer um jeden Meter. Hannes ist aus der Puste, aber er trainiert eisern für eine große Fahrradfahrt. Regisseur Christian Zübert zeigt in dem neuen Spielfilm „Hin und Weg“ den kranken Mitdreissiger zusammen mit seinen Freunden – einem chaotischen Haufen verschiedenster Persönlichkeiten – auf einer Fahrradtour nach Belgien. Warum es gerade nach Belgien geht, versteht anfangs noch niemand. Die Antwort gibt Hannes erst, als die Truppe einen Zwischenstopp einlegt. Als alle gemeinsam am Tisch bei Hannes Mutter sitzen, bekennt er, dass er an der tödlich verlaufenden Nervenkrankheit ALS leidet. Schon zwei Jahre lebt Hannes mit der Diagnose. Seit einem halben Jahr baut sein Körper ab. Doch Hannes möchte nicht zum Pflegefall werden. Deshalb zieht es ihn nach Belgien, wo Sterbehilfe erlaubt ist. Da fehlen den guten Freunden erstmal die Worte. Doch dann wollen sie ihm helfen, den Plan zu verwirklichen.

Lustig und lebensfroh, schmerzhaft und traurig liegen bei dieser letzten Reise durch herbstliche Landschaften eng beieinander. Sie ist voller großer und kleiner Abschiede von Orten und von Menschen, gekennzeichnet vom Unwillen der nahen Menschen, Hannes für immer gehen zu lassen. Trotz TV-kompatibler Graustich-Ästhetik inszeniert der Film die Tour nicht als Leidenstrip, sondern montiert alltägliche Situationen zwischen Menschen mit Humor, der sich aus Situationen ergibt.

ALS war kürzlich in aller Munde. Mehr oder weniger prominente Menschen kippten sich Eiswürfel über den Kopf und warben um Spenden für die Forschung der Nervenkrankheit – und erzeugten so ein Strohfeuer der Aufmerksamkeit für das Thema.  „Hin und Weg“ stellt hingegen die Ausweglosigkeit der Betroffenen dieser tödlich verlaufenden Krankheit dar. Der Zuschauer kann beobachten, wie bei der Radtour Hannes‘ Kondition rapide abnimmt. Hinter der abstrakten Buchstabenkombination ALS macht der Film das Schicksal eines Menschen sichtbar, mit all seinen individuellen Bedürfnissen und Träumen, die nun unerfüllt bleiben. Das ist vor allem der facettenreichen Darstellung des Charakters und der schauspielerischen Leistung von Florian David Fitz geschuldet.

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Auch wenn das Ende der Reise vorgezeichnet ist – der Weg dorthin ist für den Zuschauer nicht vorhersehbar. Ihn erwartet ein Wechselbad der Gefühle. Das ist nicht zuletzt der charismatischen Riege der deutschen Schauspielelite zu verdanken. Unter anderem Hannelore Elsner und Jürgen Vogel verkörpern ihre Charaktere authentisch und harmonieren ungemein gut zusammen. Einzig Jürgen Vogel neigt in seiner Rolle als Aufreißer in Hannes‘ Clique zur Überzeichnung, sorgt so aber für viele der witzigen Filmmomente. „Hin und Weg“ ist ein Film über Freundschaft, Liebe, Abschiednehmen, Sterbehilfe und nicht zuletzt das Leben. Dabei wendet die Kamera den Blick auch in schwierigen Situationen nicht ab und bleibt bis zuletzt.

„Hin und Weg“, Deutschland 2014, u.a. im Filmtheater Friedrichshain, Kino in der Kulturbrauerei und Zoopalast

(Fotos: Wolfgang Ennenbach / Majestic)

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