Eklat am HAU: Künstler stellt Schwule bloß

Browsing Grindr -  by Sasha Kargaltsev  (CC BY 2.0)

Das ging dann doch zu weit: der niederländische Künstler Dries Verhofen setzte sich in der ersten Oktoberwoche in einen Glascontainer vor das HAU-Theater und ließ sich im Rahmen des Projektes „Wanna Play“ beobachten. Um die Langeweile zu vertreiben, machte er Dates über die schwule Plattform grindr klar. Auf dieser Plattform suchen Nutzer mittels Fotos ihrer gut definierten Oberkörper vor allem Sex in unmittelbarer Umgebung. Seine Chats mit interessierten Kandidaten wurden außerhalb des Containers projiziert – ohne Einwilligung der Gesprächspartner, von denen einige glaubten sich ganz gewöhnlich zu daten. Dabei wollte der Künstler mit ihnen doch nur zu Abend essen oder sich über seine Großmutter unterhalten – wenn gewünscht auch hinter verschlossenen, durchscheinbaren Vorhängen.

Fünf Tage dauerte die Kunstaktion, dann wurde sie vorzeitig am 5. Oktober abgebrochen. Bereits von Beginn an wurde die Kritik an der Kunstaktion seitens potentiell Betroffener immer lauter, berichtete queer.de. Bereits am zweiten Abend wurde ein Besucher handgreiflich, als er sich unzureichend anonymisiert und ungefragt in der Kunstaktion Dries Verhofens wiederfand. Am Sonntag, dem 5. Oktober 2014, brachen dann HAU und Künstler die Aktion ab – nicht ohne zuvor eine Diskussion zu veranstalten, in der ein Großteil des männlichen Publikums lautstark seine Wut über die Verletzung der Privatsphäre Unbeteiligter und die Irreführung Sexsuchender artikulierte, berichtete Kreuzhainer.

Offenheit und Toleranz sind ein Schein, an den Schwule selbst nicht recht glauben

Das abrupte Ende der Aktion zeigt dabei genau die Problematik, die Dries Verhofen thematisieren wollte. Die technische Vernetzheit über grindr und andere Dating-Apps sorge für eine „neue“ Heimlichkeit inmitten einer urbanen Gesellschaft, die sich offen und tolerant gibt, schreibt das HAU in der Ankündigung der Kunstaktion.  Homosexualität wird unsichtbar und damit für manchen Außenstehenden „sozial verträglicher“. Homosexuelle Liebe und Sex finden wieder in privaten und geschlossenen virtuellen Räumen statt, homosexuelles Begehren wird allenfalls zu offiziellen Anlässen zeremoniell gefeiert. Auf den Plattformen hingegen unterwerfen sich die Männer bei der Zurschaustellung ihrer Körper sexualisierter und kommerzialisierter Klischees – „Tunten, Spinner und Dicke zwecklos“ zitiert das Blog der Kunstaktion treffend das zentrale Mantra, das den „Fleischmarkt“ beherrscht. Kommunikation wird dort ganz ökonomisch auf den Zweck der Anbahnung des Sexualkontakts reduziert. Anders lief es zu Zeiten repressiver Sexualmoral auch nicht, als Schwule ihre Sexualpartner auf der „Klappe“, dem öffentlichen Klo, kennenlernten.

Dries Verhofen zerrte das Private in den öffentlichen Raum. Auf diese Weise thematisierte er nicht nur die Abgekapseltheit des virtuellen Homo-Universums, sondern auch dessen Kommunikationsarmut. Gleichzeitig funkte er dazwischen: denn seine grindr-Chats liefen nicht auf schnellen Sex hinaus – das offenkundige Ziel vieler Nutzer der schwulen Dating-Apps – sondern auf geselliges Beisammensein und Austausch. Mit dieser bloßstellenden Kritik trifft er einen empfindlichen Nerv Homosexueller, wie die Reaktion auf die nicht legale Grenzverletzung beweist. Die Heftigkeit belegt: Schwule haben Angst, als jene erkannt zu werden, die sie sind – oder mit jenen Zerrbildern identifiziert zu werden, als die sie sich gegenseitig präsentieren. Und sie schämen sich ihrer selbst. Homosexualität ist eben doch ein öffentlicher Makel – auch 2014 im weltoffenen Berlin mit seinem schwulen Bürgermeister.

Update – Stellungnahme des HAU vom 7.10.2014:

„Es tut uns leid, dass wir die Gefühle von Menschen verletzt haben. Wir hatten zu keinem Zeitpunkt die Absicht, jemanden bloßzustellen. Wir müssen eingestehen, dass wir einige auch nach diesem Scheitern für uns immer noch relevante Fragen mit ungeeigneten Mitteln bearbeitet haben.“  (Ausschnitt)

(„Browsing Grindr“ – von Sasha Kargaltsev (CC BY 2.0) )

3 Kommentare zu „Eklat am HAU: Künstler stellt Schwule bloß

  1. Also wer sowas wie „grindr“ benutzt und sich dabei heimlich oder unbeobachtet fühlt… Natürlich treibt es diese „Kunst“-Aktion auf die Spitze und bringt dabei u.U. auch gefährliche Implikationen mit sich. Nichtsdestotrotz zeigt der extreme Protest m.E., in was für einer falschen Sicherheit wir uns ständig im Internet wiegen.

  2. Leider empfinde ich diesen Beitrag als völlig unzureichend.
    Aus folgenden Gründen……

    -` Um die Lan­ge­weile zu ver­trei­ben, machte er Dates über die schwule Platt­form grindr klar
    Verhoeven liess sich nicht einfach beobachten und griff auf grindr aus Langeweile zurück, sondern grindr war sein Projekt!

    -´von denen einige glaub­ten sich ganz gewöhn­lich zu daten. Dabei wollte der Künst­ler mit ihnen doch nur zu Abend essen oder sich über seine Groß­mut­ter unter­hal­ten´
    Genau! Sich ganz gewöhnlich zu daten! Unter Umständen auch-wie ich selber es keinem grindr user in Abrede stellen will-zum Abendessen oder für eine schlichte Unterhaltung. NUR….was definitiv nicht klar war (und von Seiten des Künstlers verschwiegen wurde): an einem Projekt teil zu nehmen, das die komplette Kommunikation frei öffentlich für jederman in den eigenen kiez projiziert.

    -´ Bereits am zwei­ten Abend wurde ein Besu­cher hand­greif­lich, als er sich unzu­rei­chend anony­mi­siert und unge­fragt in der Kunst­ak­tion Dries Ver­ho­fens wie­der­fand´
    Und genau das widerfuhr dem besagten „Besucher“:
    Grindr funktioniert ja über die Suche nach Teilnehmern in der Nähe.
    Heisst….Verhoeven sass in Kreuzberg, chattete mit Kreuzbergern und liess somit die Unterhaltung an einem Kreuzberger Umschlagpunkt für Hinz und Kunz öffentlich ablaufen.
    Zur Frage der Anonymisierung über ein Negativbild…..im Fall des besagten „Besuchers“ wurde im übertragenen Gespräch unter anderem der Name seines Hundes veröffentlicht.
    In einem Berliner Kiez (der zwar von Fluktuation getrieben ist, jedoch zum Glück auch bei lang Ansässigen eine gewisse persönliche Bindung aufweist) reicht dies schon dafür aus, dass ein Bäcker, Kioskbesitzer, Nachbar, whatever klare Schlüsse auf die Person zieht.

    -´Dries Ver­ho­fen zerrte das Pri­vate in den öffent­li­chen Raum. Auf diese Weise the­ma­ti­sierte er nicht nur die Abge­kap­selt­heit des vir­tu­el­len Homo-Universums, son­dern auch des­sen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ar­mut`
    Damit komme ich zum Ende.
    Ja, er zerrt es in den öffentlichen Raum und genau das hat ihm das Genick gebrochen, denn er hat die rechtlichen Konsequenzen nicht bedacht (wie dumm von ihm!)
    Und als heterosexuelle Frau-die sich ebenfalls bei HAU beschwerte und für das Ende dieses Projekts war und ist-möchte ich bemerken, dass es hier nicht um Homosexualität oder Kommunikationsarmut geht, sondern darum dass Privatsphärenverletzung, Blossstellung, Täuschung und Demütigung selbst in einem digitalen Zeitalter nicht geduldet werden sollten!

  3. Ich halte die Aktion auch für nicht zu Ende gedachtet.

    Bei grindr handelt es sich nunmal um eine Dating-App, deren Zweck es ist, potenzielle Intimpartner zu finden – wieso sollte dies auch nicht in einer abgeschlossenen Sphäre stattfinden, sollen sich die Leute auf den Marktplatz stellen? Ziehen sich Heterosexuelle nicht auch auf diverse Dating-Plattformen zurück, um dort unter Pseudonym und fernab des eigenen sozialen Umfelds Sexkontakte zu knüpfen? Wird Heterosexuellen dabei ein Rückzug in eine „neue Heimlichkeit inmitten unserer toleranten Gesellschaft“ unterstellt? Außerdem suggeriert die Aktion, dass die gesamte Homosexuellen-Fraktion bei grindr auf der Pirsch ist und trifft eine pauschale Aussage über alle Homosexuellen, dass sie ja nur den schnellen Bums suchen. Dabei wird dort nur eine Minderheit angemeldet sein, genauso wie nur ein kleiner Teil Heterosexueller auf den entsprechenden Portalen unterwegs ist.
    Für mich drückt sich eine offene, tolerante Gesellschaft darin aus, dass jeder tun und lassen kann was er möchte – solang er und sie Rücksicht auf seine Mitmenschen nehmen. Auf meiner Runde über den Marktplatz will ich weder von Heterosexuellen noch von Homosexuellen angequasselt werden: „Wanna play?“

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