Die Welt verändern mit Matthew Herbert

Matthew herbert The Recording

Sieben Tage am Stück nimmt Matthew Herbert in der Deutschen Oper in Berlin sein neues Album auf. „The Recording“  versteht sich als Gesellschaftskritik, zusammengesetzt aus aufgenommenen Klangschnipseln und Tönen, die in irgendeiner Art mit dem Wirken des Menschen zu tun haben. So ein Vorhaben braucht Raum: der Bühnenaufbau in der Tischlerei der Oper ist extravagant. Der vordere Bereich ist groß genug, um dem halben Publikum Platz zu bieten. Dahinter befindet sich ein offenes Tonstudio: ein elektrisches Drum-Kit, Synthesizer, Mac-Books, Mischpult und ein Arbeitsplatz für Matthew Herbert. Dazu wurde noch eine Ikea-Einbauküche spendiert: dampfende Töpfe stehen auf einem Herd, in denen sporadisch eine Köchin rührt. Sie füllen den Raum mit dem Geruch von Gemüseeintopf.  Mastermind Matthew Herbert selbst sitzt in einer Wohnzimmereinrichtung. Das Aktionsfeld von ihm und den Musikern ist durch ein Geländer vom Publikum abgetrennt – es sieht aus, als komponiere und musiziere Matthew Herbert innerhalb eines Boxrings.

Ganz in schwarz gekleidet schreitet Matthew Herbert von seinem Arbeitsplatz zum Mikrofon und verteilt Aufgaben. „Wie viele Menschen sind in Berlin geboren? Wie viele sind gestorben? Wie viele Tiere wurden heute zum Verzehr getötet?“ Mit den Zahlen soll ein Musikinstrument gefüttert werden. Als Korpus dient ein ausrangierter Einkaufswagen, zwei seiner Bandmitglieder montieren dazu Elektromotoren und zurechtgesägte Holzstücke. Danach verbinden sie die Installation mit einem Computer, auf dem die Musik-Software Ableton läuft – und schon kreiert das Instrument ganz eigene, perkussive Klänge. Die konkreten Zahlen, 79 Tote und 183 Neugeborene, werden die Grundlage für die Anzahl der Schläge, welche Musiker ausführen.

Matthew Herbert the recording

Für die Vertonung der Zahlen nutzt Matthew Herbert auch Geräusche. Er braucht den Klang eines Babys und eines lebenden Huhns. Das Baby ist schnell gefunden und aufgenommen, aber woher im Herzen Berlin-Charlottenburg ein lebendiges Huhn bekommen? Improvisationstalent ist gefragt, also muss eine gewöhnliche Stadttaube herhalten. Für den Klang der Verstorbenen bilden 30 Freiwillige einen Halbkreis auf der Bühne. Sie atmen geräuschvoll aus: der letzte Atemzug von Berlins Sterbenden. Damit man auf die richtige Anzahl kommt, wiederholt Matthew Herbert die Prozedur und legt später die Tonspuren übereinander. Am Ende werden aus 30 Menschen 79 Sterbende. Nach dieser Vorbereitung können die Bestandteile endlich zusammengefügt werden..

Der Saal der Tischlerei ist nun in ein mystisches Rot getaucht. Aufnahme! Matthew Herbert steckt in einem silbernen Raumanzug. Jeder Tag der Aufnahmewoche hat nicht nur ein eigenes Motto – der Meister wählt jeweils passend dazu ein neues Kostüm.  Die Verkleidung soll für die richtige Stimmung beim Improvisieren und Komponieren sorgen – doch die Hitze unter den Scheinwerfern hat der Künstler wohl nicht einkalkuliert. Also raus aus den Klamotten – Matthew Herbert musziert doch lieber im gewöhnlichen Schwarz.

Matthew Herbert band

Bei einem ersten Versuch wird noch herumexperimentiert. Die Musiker bringen die Klänge in Verbindung und erarbeiten gemeinsam die Songstruktur. Alles wabert, doch nichts konkretes entwickelt sich. Die Musik verstummt und Matthew Herbert gibt Anweisungen. Man versteht nicht, was er sagt, doch es zeigt Wirkung. Beim zweiten Versuch passiert etwas Magisches. Aus den Klängen entsteht plötzlich etwas atmosphärisch Zusammenhängendes. Dunkle Sounds und dröhnende Bässe erzeugen eine beengende Grundstimmung, aus den Tiefen dringt verfremdetes Kinderlachen. Fast dämonisch schallt es durch den Raum. Das Lachen wird manipuliert, bis eine helle Kinderstimme die akustische Düsternis durchbricht. Nach und nach setzen die Beats ein. Das selbst gebaute Instrument klappert 183mal. Die Köchin steht am Herd und rührt den Eintopf. Die Klänge werden aufgenommen, durch den Computer geschickt und dabei bis zur Unkenntlichkeit verfremdet. Über zehn Minuten schwillt die Geräuschkulisse, um schließlich mit dem Atemzug von 79 Sterbenden zu verstummen.

Der entstandene Track erzählt von Geburt, Leben und Tod eines Menschen.  Zuletzt will Matthew Herbert alles auf dreieinhalb Minuten herunterbrechen. Das funktioniert jedoch nicht so einfach: was in 10 Minuten so souverän und intuitiv funktionierte, entwickelt sich wieder zurück in ein Experiment, desen Resultat unklar bleibt. Leicht verlegen geht am Ende Matthew Herbert zum Mikrofon und sagt: „Mann, das war peinlich!“ – doch er schmunzelt dabei. Vielleicht ist doch nicht ganz das herausgekommen, was er sich vorgestellt hatte. Was das war, das weiss er nur selbst. Doch immerhin kann man es als Zuschauer dieses Aufnahmespektakels nun besser erahnen.

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(Foto: Matthew Herbert / von Max Schanner)

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