Berlin Music Week – Buntes Mitmachklimbimm ohne Zukunft

berlin music week 2014

Die „Berlin Music Week 2014“ hatte noch nicht einmal richtig begonnen, da setzten die Geier schon zum Leichenfleddern an. Watergate-Chef Steffen Hack, der in den letzten Jahren die Gegenveranstaltung „Berlin Music Days“ mitveranstaltete, betete im Neuen Deutschland sein gewohntes Mantra herunter: Der Senat hätte alles besser machen können. Global Player fressen die Berliner Kultur auf. Für die wahren Kreativen bleibt nur das obligatorische Käsebrötchen übrig! Auch der stellvertretende Feuilletonchef der Berliner Zeitung, Jens Balzer, urteilte verdrossen, dass Berlin keine „Music Week“ brauche. Die negativen Stimmen sollten Recht behalten.

Wenig Besucher, wenig Konzepte, wenig für lau.

berlin music week 2014 / Der Tag danach

Die Hallen des Berliner Postbahnhofs waren alles andere als gut gefüllt. Nur, wenn junge dynamische Manager oder weise, grauhaarige Männer Vorträge hielten, wie mittels „neuer“ Verwertungsmöglichkeiten mit Musik Geld verdient werden könne, sammelten sich Besucher. Zuspruch gab es auch, wenn gratis Essen und Getränke verteilt wurden, auch wenn anschließend ein Audiohersteller ein Beratungsgespräch aufnötigte. Prekäre Habenichtse auf der Jagd nach dem kostenlosen Croissant oder dem lang ersehnten Freibier: Industrie und Musiker unterscheiden sich nicht besonders von den Konsumenten, denen sie Kostenlosmentalität vorwerfen.

Als Treffpunkt von Musikindustrie, Musikern und Fans sollte die „Berlin Music Week“ Innovationen, Wirtschaft und Kunst zusammenbringen. Doch das hat nie wirklich geklappt, denn brauchbare Ideen entstehen in kleinen Netzwerken fernab von offiziellen Messen. Was hingegen ausgestellt wurde, war das, was man bekommt, wenn man wie die Berliner Musikförderung mit der Gießkanne möglichst breit Gelder verteilt. Alle Bittsteller werden so ein wenig zufrieden gestellt, niemand wirklich ausgeladen. 2014 wurden sogar Messestände kostenlos zur Verfügung gestellt. Davon profitierten neben BLN.FM auch andere Projekte und kleine Firmen. Auf den ersten Blick eine schöne Geste – doch so etwas wird nur dann gemacht, wenn es zu wenig Nachfrage seitens derjenigen gibt, die für Platz bezahlen. Das Resultat waren verwaiste Stände, in denen Flyer Ansprechpartner und Präsentationen ersetzen sollten.

berlin music week 2014
Wo dann doch Menschen was präsentierten, suchte man vergebens nach Innovationen. Gleich mehrere Anbieter wollen durch mobile Apps Geld verdienen, in dem sie Künstler und Veranstaltungen promoten. Kleine Helferchen, mit denen Musik mit Fotos oder Videos versehen werden kann, wurden gleich im Dutzend angeboten. Andere versprechen Musikern, sie bei anfallender Bürokratie, wie Vermarktung, Pressearbeit und natürlich GEMA zu unterstützen.

Uninspirierte Aussteller trafen auf ein ähnlich gelagertes Publikum. Wer da durch den Messebereich schlenderte, war oftmals selbst im Existenzgründungs-Modus und verzweifelt auf der Suche. Auf der Sache nach Menschen, die einem die ganze lästige Arbeit abnehmen, nach der ultimativen Lösung, die Mensch zum YouTube-Star wie Y-Titty werden lässt oder schlicht nach irgendeinem Job, der mit Musik zu tun hat. Mit solchen Ausstellern, Rednern und einem solchen Publikum wirkte die „Berlin Music Week“ konzeptlos und alles andere als professionell.

berlin music week 2014

Während der Messe meldeten sich aber auch jene zu Wort, die aus beruflichen Gründen gezwungen sind, die „Berlin Music Week“ öffentlich gut zu finden. Kulturstaatssekretär Tim Renner ist vom nach wie vor vom boomenden Musik- und Kulturstandort Berlin angetan. Olaf Kretschmar vom regionalen Lobbyverband Berlin Music Commission ist entsetzt von der pessimistischen Sicht des Journalisten Jens Balzer.

Doch das Hickhack und die latente Unzufriedenheit mit der „Berlin Music Week“ gab es schon immer. Es wurde aber nie so öffentlich ausgetragen wie 2014. Hat eine solche Veranstaltung überhaupt noch Zukunft?

Der Berliner Senat reagiert jetzt. 2015 wird es die Berlin Music Week in der derzeitigen Form nicht mehr geben. Der Veranstalter, die Kulturprojekte GmbH, wurde vom Berliner Senat „aus dem Auftrag entlassen“, sickerte durch. Ab 2015 übernimmt das Musicboard Berlin die Regie. Katja Lucker, Leiterin des Musicboards, mag sich dazu noch nicht äußern, denn bis Ende September gäbe es eine „Schweigeverpflichtung“. Doch für die Neuausrichtung des Nachfolgers der „Berlin Music Week“ habe sie immer ein offenes Ohr, sagt sie.

„Solange die Ausrichtung vom Berliner Wirtschaftssenat ausgeht und sich weiter um die reine Verwertung dreht, wird sich nichts bewegen, außer im Kreis“ sagt Steffen Hack. Um Berlin als Musikhauptstadt zu etablieren, hätte man die Probleme in der Vergangenheit zusammen an einem Tisch erörtern müssen.  Aber einen Fahrplan, wie man es jetzt besser machen kann, liefert auch Hack nicht.

Vielleicht sollte man sich von dem Gedanken verabschieden, dass bei einer Konferenz Masse gleich Klasse ist. Auch wenn das verdammt uncool ist im Zeitalter sozialer Medien. In Berlin fehlt es an einer professionellen Veranstaltung, bei der klarer zwischen Profis und Schnackern unterschieden wird, bei der Fachleute aus Wirtschaft, Kultur, Politik und Medien wirklich konzentriert miteinander arbeiten – um anschließend mit einem interessierten Publikum substanziell Neues und Bedeutsames diskutieren zu können. Weniger heiße Luft und „Jeder-darf-voraussetzungslos-mal-seinen-Senf-dazugeben“ – mehr Qualität. Inspiration dafür könnte sein, wie das International Radio Festival in Zürich Experten zusammenführt und Ergebnisse präsentiert. Auch bei der Vergabe der Förderprojekte seitens der Stadt braucht es weniger Gießkanne und strengere Prüfung auf nachhaltige Konzepte. Muss die Berliner Wirtschaftssenatorin das elfte Start-up fördern, dass Nutzern per App die besten Partys der Stadt präsentiert?

Wenn alle alles haben, hat am Ende niemand mehr etwas – das gilt auch für die Förderung im Musikbereich. Gerade die „Berlin Music Week“ zeigt, dass es mindestens genauso viele Illusionen davon gibt, wie man vom Musikmachen leben kann wie es Musikmachende gibt. Die „Berlin Music Week“ war in den letzten Jahren ein Teil dieser Traummaschine. Dabei bringt sie Stadt und Musikern nur dann etwas, wenn sie genau das Gegenteil ist.

2 Kommentare zu „Berlin Music Week – Buntes Mitmachklimbimm ohne Zukunft

  1. Wie im letzten Jahr war auch dieses Mal die Konferenz der BMW für mich eine großartige Gelegenheit zur Vernetzung.
    Erstaunlicherweise habe ich diesmal ausschließlich Visitenkarten interessanter FRAUEN erhalten, aus London, NYC, Kapstadt, Kopenhagen, Hamburg…
    Zwar waren die Panels z. B. zur Africa Music Convention wirklich schwach besucht, doch das liegt wohl eher an den nach wie vor arrogant desinteressierten Westeuropäern.
    Denn meiner Meinung nach hat sich innerhalb der letzten BMW-Ausgaben bereits sehr wohl ein Wandel vollzogen: entweder waren es diesmal einfach mehr BesucherInnen – oder das Publikum ist inzwischen aufgeschlossener auch für politische Themen.
    Mein persönlicher Eindruck!
    Dass so was wie die Messestände dort – noch nicht – so gut funktioniert… who cares?
    Ich erinnere mich sehr gut an die ersten Ausgaben der Popkomm Anfang der 90er (Vorläufer der heutigen c/o pop, für die Spätgeborenen…), das war noch ein richtiger Indie-Bazar, mit Tapeziertisch-Ästethik. Also wartet’s doch einfach mal ab.
    5 Jahre reichen natürlich nicht aus, um dieses Format in einer Stadt wie Berlin und international zu etablieren.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.