Klaus Wowereits Abgang: Ende oder Neustart der Berlin-Party?

Klaus Wowereit, Parteitag der Berliner SPD,  abbilder  (CC BY 2.0)

Nach 13 Jahren reicht es ihm. Am 26. August verkündet Klaus Wowereit, dass er ab 11. Dezember nicht mehr Regierender Bürgermeister von Berlin sein will. Erst das unendliche Desaster um den Flughafen BER, dann die Niederlage beim Volksentscheid über das Tempelhofer Feld, wo Klaus Wowereit Wohnungen und eine große Bibliothek bauen lassen wollte – Klaus reicht’s. Seine Popularität unter den Berlinern ist in den vergangenen Monaten rapide gesunken. Wowereit und Berlin sind sich fremd geworden, zuletzt hat der Bürgermeister nicht mal mehr richtig repräsentiert. Und richtig regiert hat er scheinbar lange nicht mehr. Gelitten darunter haben viele, die mit Kultur zu tun haben – und damit das machen, was Millionen Menschen nach Berlin zieht.

Klaus Wowereit war nicht nur Bürgermeister, er war auch der Intendant der Anstalt „Berlin“. Er wollte stets seine Hand auf der Hauptstadtkultur haben, war nicht nur Bürgermeister, sondern auch Senator für Kultur. Das hat den Clubs, Konzerthäusern, Opern und nicht zuletzt der freien Szene in der Stadt mehr geschadet als genützt. Denn wenn Kultur als eine von vielen „Chefsachen“ nur eine von vielen Nebenschauplätzen ist, dann verwahrlost sie. Planer waren dann andere: mit André Schmitz beherrschte lange Jahre ein Kulturstaatssekretär die Hauptstadt, der die Kulturförderung nicht flexibler und breiter, sondern statisch an der Hochkultur ausgerichtet hat. Selbst wenn Wowereit das missfallen haben sollte, für eine Neuordnung zugunsten kleinerer und freier Einrichtungen eingesetzt hat er sich nicht.

Und was bedeutet das für die Berliner Clubkultur? Sie steht vor einem Dilemma: die Zahl der Touristen wächst und der internationale Ruf ist exzellent – doch gleichzeitig wird die urbane Kultur Opfer der vom eigenen Glanz ausgelösten Verdrängungsprozesse in der Innenstadt. Klaus Wowereit selbst nutzte die Clubszene stets als Aushängeschild. Er verstand sie aber immer eher als Wirtschaftsfaktor, nicht als wertvollen Mosaikstein eines großen Berliner Kulturpuzzles. Erst der neue Kulturstaatssekretär Tim Renner diskutierte im letzten halben Jahr den „Milieuschutz“ für Clubs im Senat.

Auch Theatermacher und Künstler, die nicht an Bühnen angestellt sind, sondern projektweise arbeiten, sehen sich gefangen zwischen Selbstausbeutung und Verlust der Unabhängigkeit. Der Großteil der „freien Szene“ arbeitet am Existenzminimum, gezwungenermaßen unabhängig von Geldgebern, weil es oft schlicht keine gibt. Wenn die Kulturförderung jetzt vermehrt auf die freie Szene eingeht, wird an anderer Stelle eingespart – es gibt weniger Geld für große institutionelle Einrichtungen wie Theater, Opern und Konzerthäuser und es besteht die Gefahr, dass Künstler vor allem Mitteln nacheifern. Diesen Widerspruch auflösen konnte Klaus Wowereit nicht. Die Berufung Tim Renners als neuen Kulturstaatssekretär Berlins wirkte da wie ein letzter Versuch Wowereits, das Ruder in Sachen Kultur noch rumzureißen, wenn die eigene Strahlkraft nicht ausreicht. Und tatsächlich: sowohl bei Opernintedanten als auch in bei Clubbetreibern kam die Personalie gut an.

Klaus Wowereits Nachfolger wird wieder viele Baustellen gleichzeitig übernehmen müssen. Wenn er aber die Bescheidenheit hätte, Kultur an einen richtigen Senator „abzugeben“, statt sie als eine von unzähligen „Chefsachen“ zu verwalten, dann könnten Lösungen gefunden werden. Und vielleicht entsteht sogar was schönes Neues: eine zentrale Landesbibliothek.

(Foto: Klaus Wowereit, Parteitag der Berliner SPD 2011, abbilder (CC BY 2.0))

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