Open Airs in Berlin – Müllprobleme und Intrigen gegen unliebsame Konkurrenz

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Wenn am Wochenende im Sommer die Sonne scheint, herrscht in einigen Berliner Clubs gähnende Leere. Neidisch schaut dann so mancher Clubbesitzer und Partyveranstalter in den Park nebenan – denn da spielt die Party. Die kostenlose Konkurrenz unter freiem Himmel sei Schuld dran, dass die eigene Party leer bleibt, meint da so mancher von ihnen. Die Situation sei unfair, denn sie hätten für jede Party laufende Kosten – das Soundsystem auf der grünen Wiese und der Getränkeausschank werden hingegen einfach mal spontan aufgestellt, ohne dass man sich groß um offizielle Genehmigungen kümmert. Hinter vorgehaltener Hand erzählt man sich, dass Veranstalter die Polizei über Open Airs in ihrer Nähe informierten. Kalkül: die kostenlose, unerbetene Konkurrenz wird aufgelöst und die partywütigen Besucher müssen zu einer anderen Veranstaltung weiterziehen – am besten der eigenen. Natürlich will kein Berliner Clubmacher öffentlich der Spielverderber sein. Dennoch: Solche Geschichten kursieren auf einer „Mitternachtstalk“-Veranstaltung der Berliner Partyreihe „Dienstagswelt“ am 8.10.2013 im Mikz, auf der Berlins Szenegänger über Open Airs in Berlin diskutierten.

Natürlich haben Open Air-Organisatoren eine andere Meinung zur Konkurrenzsituation: „Die Clubbetreiber sollten sich an die eigene Nase fassen. Vielleicht haben sie ihr Stammpublikum vernachlässigt und bekommen die Hütte deswegen nicht mehr voll.“ Im Sommer seien mehr Touristen in Berlin, da ist genügend Publikum für alle da. Das sich Open Air-Besucher einfach auf andere Parties lotsen lassen, wenn die Kostenlos-Party gesprengt wird, sei ein Trugschluss. Sie bleiben etablierten Clubs fern, weil sie nicht bereit sind, den teilweise erheblichen Eintritt für Partys zu zahlen – das ändert auch ein abgebrochenes Open Air nicht. Die anderen glühen auf den Open Airs vor und feiern danach in Clubs weiter, denn sie bieten ein spezielles Flair und haben einen besseren Sound als die Umsonst-und-Draußen-Partys. In diesen Fällen spielt die Konkurrenz den etablierten Clubs das Publikum zu statt es zu stehlen. Fazit: Open Airs und Besucherflaute in den Clubs hängen nicht zwingend zusammen.

Konsumistische Partynomaden hinterlassen ein Meer aus Glas und Zigarettenstummeln

Doch nicht nur einige etablierte Clubs beäugen die kostenlosen Open Airs skeptisch. Auch manche Berliner sind genervt. Die Partygänger kommen, feiern und hinterlassen Müll – viele interessieren sich nicht dafür, wie die Grünfläche nach der Veranstaltung aussieht. Sie haben Spaß beim Tanzen, trinken Bier und rauchen anscheinend Kette. Großteils kümmern sich die Open Air-Veranstalter verantwortungsvoll darum. So wird beispielsweise die Musik leiser gedreht, gemeinsam mit den Besuchern aufgeräumt und anschließend weiter gefeiert. Wenn dem jedoch nicht so ist, bleibt nach dem Verschwinden der  konsumistischen Partynomaden ein Meer aus Glas und Zigarettenstummeln zurück. Denn auch unter den Partymachern gibt es schwarze Schafe. Wenn öffentliche Flächen verdreckt zurück gelassen werden, kümmern sich dann irgendwann die Behörden um das Problem – und dann gibt es Verbote für alle.

Könnte Bremen ein Vorbild sein? Björn Wilke veranstaltet dort freie Open Airs und hat die Aktion „Freie Flächen für Musik“ in der Hansestadt gegründet. Er berichtet: „Wir planen ein Anmeldeverfahren. Zwei Tage vor der Veranstaltung soll bei dem Ordnungsamt eine Telefonnummer hinterlassen werden. So kann gehandelt werden, falls es zu laut ist oder der Veranstaltungsort im Müll versinkt. Außerdem wird mit Vorher-Nachher Fotos der Zustand der Grünfläche dokumentiert. Das Open Air kann so bis Mitternacht ohne Einschreiten der Polizei stattfinden und anschließend geht es je nach Beschwerden weiter oder eben nicht. Dieses Verfahren ist gerade zur Abstimmung in der Bürgerschaft.“

Kommt eine Lizenz für Open Air-Veranstalter in Berlin?

Ist das eine Lösung auch für Berlin? In der Hauptstadt wurde mittlerweile die Interessengemeinschaft „Freie Flächen für Musik“ gegründet, die auch von Gregor Gysi (Linkspartei) unterstützt wird. Sie will ermöglichen, dass freie Flächen im Besitz des Landes Berlin für Veranstaltungen zwischengenutzt werden können. Viele der Touristen kommen nach Berlin, weil hier an ungewöhnlichen Orten für wenig Geld gefeiert werden kann. Tourismus ist eine der Haupteinnahmequellen Berlins. Deshalb müsste die Stadt daran interessiert sein, kostenlose Open Airs zu unterstützen statt zu verhindern, meint die Interessengemeinschaft.

Auch Berlins Party-Lobby, die Berliner Clubcommission, reagiert. Sie denkt über ein „Open Air-Paket“ nach. Das umfasst Workshops, in denen erfahrene Veranstalter wichtige Informationen an eine neue Generation der Organisatoren weitergeben. Teilnehmer könnten danach ein Zertifikat erhalten, das sie beim Ordnungsamt vorlegen können. Behörden müssten dann nicht mehr „blind“ vertrauen, sondern könnten jene Veranstalter aussieben, die keine Ahnung haben und sich nicht für die Hinterlassenschaften einer Party auf den grünen Flächen interessieren. Anhand von Info-Material sollen auch Nicht-Profis schnell checken, worauf bei der Planung und Durchführung einer Open Air-Veranstaltung zu achten ist.

Misstrauische Zyniker könnten unterstellen, die Berliner Clubcommission möchte künftig eine inoffizielle Lizenz zum Veranstalten der Open Airs austeilen. Demnächst treffen sich Berliner Open Air-Veranstalter in den Räumen der Organisation. Dort werden die Beteiligten erst einmal Ideen und Erfahrungen austauschen. Am Ende könnte ein „Berliner Modell“ stehen: es soll eine Lösung bieten, die freie Partykultur ermöglicht, aber gleichzeitig sicherstellen, das sich Veranstalter von Spontanpartys ihrer Verantwortung bewusst werden.

(Foto: hedonist-international.org, Crea­tive Com­mons BY-SA 3.0)

3 Kommentare zu „Open Airs in Berlin – Müllprobleme und Intrigen gegen unliebsame Konkurrenz

  1. Fast richtig… In Bremen ist das Verfahren gerade zur Abstimmung in der Bürgerschaft. Also ist es noch nicht offiziell.

    Es ist aber eine Idee, die ohne Gesetzesänderungen und festgelegten Flächen eine Party draußen und vor allem auf selbst ausgesuchten Plätzen möglich macht.

  2. vielleicht sollten sich die hohlen clubbesitzer mal gedanken machen, ob deren charmante einlasspolitik, die bei tausenden feierwütigen für angst und schrecken sorgt, ein grund sein könnte, warum keiner mehr bock hat, sich in die schlangen zu stellen.

    Natürlich nehm ich mir ne alternative, auf der das feiernn einfach ist, und nicht zum stundenlangen eiertanz mutiert.

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