Nmesh – Nu.wavHallucinations

Nmesh - 'Nu.wav Hallucinations' - 2013 (AMDD132)artworkLeser, die den Hype um das Musikgenre Vaporwave verpasst haben, können ihre Wissenslücke mit Nmeshs Album „Nu.wavHallucinations“ hervorragend füllen. Der Musikstil beruht hauptsächlich auf Samples, denen digitale Manipulation eine ätherische Wirkung verleiht. Die verwendeten Versatzstücke stammen aus dem Fundus allgegenwärtiger, massentauglicher Popmusik. Diese wird durch den Prozess des Filterns und des Auseinanderschneidens zu einer Ware, die ein Gleichgewicht zwischen Re-Interpretation und Neuentdeckung herstellt.

Der ehemalige Schlagzeuger einer Reihe von Metal- und Hardcorebands, Alex Koenig, hatte schon länger unter dem Namen Nmesh elektronische Musik veröffentlicht. Seine Produktionen waren dabei so zahlreich wie unterschiedlich. So findet man unter dem Pseudonym neben Breakbeat, Minimal, Ambient und IDM in letzter Zeit verstärkt Vaporwave.

Hätte die Musikindustrie Interesse daran, Nmesh per Klage Einhalt zu gebieten, wäre die Auswahl an Songs, die bei „Nu.wavHallucinations“ zusammengefasst werden, eine gute Gelegenheit dazu. Seine Vorlagen sind hauptsächlich Pophits der 1980er und die schmalzigen Soulballaden der 1990er. Nmeshs Bearbeitung gibt den Songs eine Atmosphäre der Schwerelosigkeit; beim Hören wirkt es so,  als ob man im All Wellen empfängt, die aus einem Hitradiosender von der Erde aus übermittelt werden. Oft überlagern sich die Samples so, also ob man zwischen verschiedenen Radiostationen hängengeblieben ist, als man einen neuen Sender suchte. Vielleicht ist es aber auch nur der Höreindruck eines sich im Drogenrausch befindlichen Menschen, der auf der falschen Party gelandet ist.

Der erste Track, “THΞ GΘΘSΞ IS LΘΘSΞ,” steht exemplarisch für diese schräge Stimmung. Da tauchen Teile von Berlins “Take My Breath Away” zusammen mit Ausschnitten aus Tom Cruises Kampfpiloten-Film „Top Gun“ auf, aus dessen Soundtrack der Song stammt. Der gleichen Ära entspringen Zitate von Frankie Goes To Hollywood, Soul II Soul, Billy Idol und Murray Head. Der Schwall an Nostalgie wird ergänzt durch Schnipsel aus der Werbeindustrie. Barbie-Spots und Nintendo-Sounds versetzen den Hörer noch direkter in die präkognitiver Erfahrungen des Kindesalters. Auf den pychedelischen Trip schubsen einen dazu Drogen-bezogene Zitatschnipsel wie  “My grandmother dropped acid… freaked out… hijacked a school bus… full of… penguins”, entnommen aus dem Film „Better Off Dead“.

Genau wie andere Vaporwave-Künstler vor ihm, verlässt sich Nmesh auf die Wirkung der Überbekanntheit von Konsumgütern und dem Verlust der Unterscheidung zwischen Hintergrundbeschallung und Musik, die bewusst wahrgenommen werden will. Dabei sind die „Nu.wavHallucinations“ weder das eine noch das andere. Sie wurden bereits konsumiert, und doch werden sie durch Verzerrung und Re-Interpretation zu etwas Neuem und Unheimlichen. Dies wird am Beispiel zweier Popballaden nur allzu deutlich. Mariah Careys “Even Though I Tried (I Can’t Break Free)” wird durch die stark verlangsamte Geschwindigkeit von einem Schmachtfetzen zu einer vertonten Identitätskrise. Das One Hit Wonder “Because I Love You (The Postman Song)” von Stevie B mutiert von einem durch den altmodischen Briefträger übermitteltes Liebesbekenntnis zu einer recht nüchternen Internetromanze. Mash Ups mögen bereits solche Titel vor Jahren wiederbelebt haben, aber Nmeshs Versionen recyclen zwei Dekaden Popmusik komplett neu.

https://soundcloud.com/amdiscs/sets/nmesh-nu-wav-hallucinations

(AM Discs)

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