Berlin, das Märchen zum Mitmachen

Berlin gilt als die kreativste Stadt Deutschlands, als Schmelzkessel von Toleranz, Crazyness und Genialität. Aber ist dieser Ruf gerechtfertigt – oder handelt es sich um eine urbane Legende? Dieser Frage widmet sich eine Gruppe junger Künstler aus Rotterdam bei der Ausstellung „El Segundo. Instinctive Travels to the Hauptstadt“ in der Urban Spree Gallery auf dem RAW-Gelände.

Für den Kurator Lukas Feireiss ist die Beziehung zwischen Rotterdam und Berlin klar: In den letzten Jahren betreute er das „Wereld van Witte de With„-Festival in Rotterdam und identifizierte die niederländische Hafenstadt als kleinen Bruder Berlins. Beide Städte haben sich nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs neu erfunden. Sie seien nicht immer gemütlich und schön, aber dafür äußerst vielfältig und wendig, sagt er. Während seiner Arbeit lernte Feireiss außerdem mehrere junge Rotterdamer Kreative kennen, die von Berlin inspiriert waren. Mit ihnen entwickelte er die Idee einer gemeinsamen Ausstellung um Rotterdams Blick auf das Klischee “Berlin” darzustellen. Bei der Umsetzung gingen alle Beteiligten mit erfrischend viel Ironie vor.

Baschz Leeft: "Pink Tubes", Foto by Urban Spree Gallery

Pinke Rohrleitungen stehen im Mittelpunkt des Urban Spree-Ausstellungsraums. In einer größeren Variante sind diese seltsamen Ungetüme in der Innenstadt Berlins häufig zu sehen, aber niemand weiß so richtig, wofür sie gut sind. Touristen bestaunen sie und Berliner tun sie mit einem Schulterzucken ab: „Dit is für… weeßte, is halt da, wa!“ Baschz Leeft hat sich dieser geheimnisvollen Wahrzeichen angenommen und sie als raumgreifende Installation bis an die Decke der Galerie wachsen lassen.

Baschz Leeft

Von Leeft stammt auch die Skulptur, die den Titel der Ausstellung am besten verkörpert: eine Rikscha. Sie wurde mit etlichen schwarzen Plastikkisten zum Großtransportmittel für die Reise von Rotterdam nach Berlin ausgebaut: Neben allerlei Krimskrams mit rätselhaft-asiatischen Schriftzügen enthält sie auch eine Anlage und ein paar Lautsprecher, aus denen der Soundtrack zur Ausstellung ertönt: „I Left My Wallet In El Segundo“ aus dem ersten A Tribe Called Quest-Album „People’s Instinctive Travels and the Paths of Rhythm“.

Berlin als kreative Stadt –  Wenn alle nur genug daran glauben und fleißig mitmachen, wird dieser Mythos zur Wahrheit

Aber woher kommt nun die Berlin-Faszination? StudioSpass haben sechs meterhohe Illustrationen angefertigt, auf denen jeder Buchstabe des Alphabets mit typischen Symbolen der deutschen Hauptstadt verknüpft ist: Ampelmännchen, Berliner Bär, Currywurst – auch die „Pink Tubes“ sind wieder dabei. Die Stadt reduziert auf ihre Klischees – denn bis auf die rätselhaften Röhren sind die Motive sattsam bekannt als Souvenirs oder Berlin-Beschreibungen.

Selfcontrolfreak: "Um die Ecke", Foto by Urban Spree Gallery

Ist der Hype ums Klischee dabei Fluch oder Geschenk? Selfcontrolfreak alias Oliver Otten hat dazu einen kleinen Film gedreht: In „Um die Ecke“ verfolgt sich der Künstler in einem endlosen Loop wieder und wieder selbst. Der Protagonist befindet sich damit in der derselben Situation wie Berlin – während er sich selbst jagt, läuft die Stadt ihrem Image von der freien, toleranten City hinterher und wird zugleich von ihm verfolgt. Dabei trägt jeder Neuberliner mit seiner Erwartung und seinen Berichten zu dieser endlosen Jagd bei: “Berlin als kreative Stadt” ist ein sich immer wieder reproduzierendes Klischee, wenn man so will: Der Mythos wird Wahrheit, wenn alle nur genug daran glauben und fleißig mitmachen.

Janjoost Jullens: "Kapsalon", Foto by Urban Spree Gallery

Dies kann etwa so geschehen, wie es sich Janjoost Jullens mit seinem „Kapsalon“ vorstellt: Auf einem Podest hat er ganz schmucklos kleine Alu-Schalen mit Pappdeckel aufgebaut. Man kennt sie von jedem Imbiss. Die Inspiration des Künstlers klingt wie ein Märchen: Es war einmal ein Friseur in Rotterdam, der liebte ein kunterbuntes Fast-Food-Allerlei von Schawarma, Käse, Salat und Knoblauchsauce. Er bestellt sich das so oft bei seiner Frittenbude, dass das Gericht irgendwann als „Kapsalon“auf der Karte landete. Von dort aus breitete sich das Gericht über die ganzen Niederlande aus.

Jullens Fresspakete sind Kunst zum Mitmachen, gedacht für Imbissbuden. „Kapsalon“-Packungen können in der Galerie für einen geringen Betrag erworben werden, verbunden mit der Auflage, „Kapsalon“ beim nächsten Imbiss zu bestellen. Damit soll das bunte Allerlei auch in Berlin auf die Speisekarten gepusht werden. Der bei Touristen beliebte Imbiss an der Ecke Warschauer Straße/Revaler Straße hat den “Kapsalon” zum Ausstellungsbeginn tatsächlich schon ins Angebot aufgenommen.

"Ghtto", Foto by Urban Spree Gallery

Zuletzt wird noch ein großformatiges Foto gezeigt: Dabei handelt es sich um den teilweise mit einem Laken abgedeckten Schriftzug des Rotterdamer Clubs „Nighttown“, der vor einigen Jahren geschlossen wurde. Was das in der Ausstellung zu Berlin-Klischees zu suchen hat? – Die Künstler haben dort zusammen eine Menge Spaß gehabt, erzählen sie bei der Eröffnung der Ausstellung. Vielleicht ist das die Verbindung: Für jeden Berliner und vor allem fürTouristen gehört das „Spasshaben“ eindeutig zum Klischee Berlin. Oder ist es eine Anspielung auf die vielen Clubschließungen in letzter Zeit? Eine eindeutige Antwort gibt es nicht – aber auch das Geheimnisvolle gehört zum Mythos, gerade wenn es um Berlin geht.

„El Segundo. Instinctive Travels to the Hauptstadt.“ – bis zum 21.6.2013 von Di-Sa von 12-20 Uhr in der Urban Spree Gallery, Revaler Straße 99, Berlin-Friedrichshain, S-/U-Bahn: Warschauer Straße. Eintritt frei.

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