A100: Die, die planiert werden

Am 8. Mai startete Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer symbolisch die Verlängerung der Autobahn A100 in die östliche Innenstadt Berlins. Das Projekt ist umstritten. BLN.FM hat mehrere Menschen besucht, die auf der Strecke bleiben. Sie leben dort, wo die A100 verlaufen wird.

Die Kleingärtnerin

A100, Erika Gutwirt im Kleingarten, by Kai La Quatra

Erika Gutwirt ist 72 Jahre alt. Jedes Jahr zählt sie die Tulpen in ihrem Garten. Dieses Jahr sind es 94. Auf die Blüte genau. „Es waren auch schon mal 240.“ sagt sie stolz. Für die Autobahn wird sie ihren Kleingarten räumen müssen.

Frau Gutwirt sitzt oft in ihrem Garten, hört den Vögeln zu und füttert sie. „Dass die S-Bahn direkt daneben vorbeirauscht, nimmt hier niemand wahr. Dafür ist die Idylle viel zu schön.“ Wann Erika und ihr Mann ihre Parzelle in der Kleingartenanlage „Alt-Ruhleben“ bezogen, weiß sie nicht mehr so genau. „Als wir den Garten übernommen haben, war er eigentlich ein Kartoffelacker“, erinnert sich Erika. Zusammen mit ihren Mann haben sie sich ihr Refugium mitten in der Stadt geschaffen, doch mittlerweile muss sie den Rasen allein mähen. Ihr Mann ist schwer krank.

Erfahren haben die Gartenbesitzer, dass die erweiterte A100 durch ihre Gärten verläuft, weil eines Tages eine Meute aus Medienleuten zusammen mit einer Mitarbeiterin des Berliner Senats vorbei kam. Die sagte dabei, dass durch den Garten und die Wohnhäuser in der Beermannstraße bald das neue Teilstück der Autobahn führen werde. In einem dieser Häuser lebt Erika Gutwirt seit 68 Jahren.

Die Mieterin

Roswitha Hollnack, Mieterin Beermannstraße, Berlin-Treptow, by Kai La Quatra

Die Beermannstraße 22 ist ein typisches Berliner Wohnhaus. Fünf Stockwerke, Vorderhaus, Seitenflügel, Hinterhaus. Sieben Personen und ein Hund sind die letzten Mieter des Hauses. Roswitha Hollnack ist eine von ihnen. Vor dreißig Jahren zog sie hier ein. Sie bleibe „bis zum bitteren Ende“, sagt sie. Die anderen verbliebenen Mieter sehen das genauso. „Man kann uns ja nicht einfach rauswerfen. Wir haben schließlich immer pünktlich unsere Miete gezahlt.“

Roswitha Hollnack ist durchaus zu Kompromissen bereit. Aber 698 Euro für Teppich und Gardinen, plus zusätzlich 1125 Euro Umzugskosten – das ist nach der langen Zeit, in der sie in der Beermannstraße wohnt, eine geringe Summe um das Heim zu verlassen. Eine Abfindung erwartet sie schon gar nicht mehr. Aber eine angemessene Alternative für sie und ihre Mutter, die sie vor einigen Jahren zur Pflege zu sich nach Hause geholt hat, das erwartet sie schon.

Am Haus Beermannstraße 22 selbst wurden seit Jahren nur noch die nötigsten Arbeiten erledigt. Im November 2012 kam das letzte Schreiben der Senatsverwaltung. Man dürfe nun „entmieten“, stand dort auf Beamtendeutsch. Und versprach, dass man den Betroffenen Ersatzwohnungen anbiete. Passiert ist bis heute nichts.

Der Baumschützer

Silvester von den Baubesetzern an der A100, Foto: Kai La Quatra

Silvester von der Umweltgruppe „Robin Wood“ hat einen guten Blick auf die Neuköllnische Allee und das Grundstück unter ihm. Von hier aus beschützen die 10 Aktivisten und rund 40 Unterstützter den Baumbestand, der dem Bau der A100 zum Opfer fallen soll. Das Grundstück der Baumbesetzer hat im Jahr 2009 der portugiesische Unternehmer José Texieria da Silva gekauft, um sein Großhandel für spanische Spezialitäten zu vergrößern. Ihm wurde damals gesagt, dass die Autobahn an seinem Gelände vorbei führen wird. Mittlerweile haben sich die Pläne geändert. Sein Grundstück liegt auf der Trasse. Deswegen wurde dem Unternehmer untersagt Sanierungsarbeiten an seinen Gebäuden vorzunehmen. Seine Lagerhalle durfte er zeitweise nicht mehr betreten.

Parkverbotsschilder am Straßenrand und Fällmarkierungen an 50 Bäumen um das Gelände der Fabrik alarmierten „Robin Wood“. Im Winter konnte verhindert werden, dass ein Baum gefällt wurde. Nun haben sich Umweltschutz-Aktivisten auf einigen der Bäume eingerichtet und verharren dort. Silvester sagt, dass mit dem Abholzen der Bäume vollendete Tatsachen geschaffen werden sollen. Hinterher würden alle sagen, dass es keine Alternative zum Bau gäbe.  Ihre Strategie, so sagt ein „Robin Wood“-Vertreter, gehe besser auf als gedacht. „Weil wir die Bäume besetzt haben und der Senat rechtliche Fehler begangen hat, haben wir verhindert, dass die Bäume rechtzeitig zur Rodungsperiode gefällt werden.“ Für den Sommer planen die Aktivisten ein Protestcamp.

 

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