Alltag im Dauerprotest

Im Zelt: Es wird gelacht und geraucht  / Foto von Sophie Bengelsdorf

An einem regnerischen Nachmittag sitzt Turgay Ulu, ein Mann mit schwarzen Haaren und einer runden Brille am Infostand vor dem Flüchtlingscamp am Oranienplatz. Vor einem Jahr ist er aus der Türkei geflohen. Dreizehn Jahre saß er im Gefängnis, weil er bekennender Kommunist ist. In Deutschland lebte er in einem Asylantenwohnheim in Bayern bis er sich dem Protestmarsch der Flüchtlinge von Würzburg nach Berlin anschloss. Auslöser der Protestaktion war die Selbsttötung des iranischen Flüchtlings Mohammad Rahsepar. In Berlin kampierte und hungerte Turgay zusammen mit anderen Flüchtlingen vor dem Brandenburger Tor. Die Asylbewerber demonstrierten gegen die derzeitige Flüchtlingspolitik Deutschlands und der EU, die sie als unmenschlich wahrnehmen. Sie wollen vor allem, dass die Residenzpflicht abgeschafft wird, die regelt, dass Flüchtlinge sich nur innerhalb eines bestimmten Landkreises aufhalten dürfen.

Obi im Versammlungszelt
Obi im Versammlungszelt

Turgay ist jetzt Mediensprecher des Flüchtlingscamps und einer der 125 Flüchtlinge, die eine verlassene Schule in der Reichenberger Straße in Kreuzberg besetzen. Bis März dürfen sie die Schule nutzen, danach ist noch unklar, wo sie hinsollen. Die Protestaktion soll aber weitergehen, egal wo. Turgay will zuerst die drei wichtigsten Forderungen erfüllt sehen: „Residenzpflicht abschaffen, Lager abschaffen und Abschiebung abschaffen“.

Mittlerweile hat sich das Camp in Kreuzberg zu einer geordneten Lebensgemeinschaft entwickelt. Es gibt „Komitees“ für die Versorgung mit Essen, die Organisation von politischen Aktionen und die Zusammenarbeit mit Medien. Einmal die Woche treffen sich alle zu einer Versammlung. Auseinandersetzungen gibt es da manchmal, sagt man uns, aber bisher hat noch niemand das Flüchtlingscamp ohne Behördenzwang verlassen. „Wir müssen hier bleiben!“, sagt Turgay. Um weiterhin ihre Lebensmittelgutscheine zu erhalten, müssen einige der Protestler dennoch zurück in ihre zugewiesenen Unterkünfte. Es kommen aber immer wieder Neue, die sich dem Protest anschließen. Fast jede Woche gibt es Demonstrationen gegen die Flüchtlingspolitik. Turgay zeigt zum Beweis auf eine Wand an der viele Zeitungsausschnitte und Infoblätter hängen. „Mein Bein ist kaputt, aber mein Kopf ist frei.“ Diesen Satz scheint er schon oft ausgesprochen zu haben.

Zwischen den Zelten: Obi
Zwischen den Zelten: Obi

Obi ist 25 Jahre alt. Er ist alleine nach Deutschland gekommen, seine Familie ist in Nigeria zurück geblieben. Er führt uns durch das Zeltcamp auf dem Oranienplatz, es macht ihm Spaß. Die Zelte sind scheinbar ohne eine bestimmte Anordnung aufgestellt. Sie wirken auf den ersten Blick instabil und klein. Obi zeigt uns das Zelt, in dem die Flüchtlinge gemeinsam essen, in einem anderen werden Plakate gemalt und in einem weiteren die Versammlungen abgehalten. Hitze strömt ins Gesicht, wenn man aus der kalten Winterluft in ein Schlafzelt hineinkommt. Trotzdem sitzen da etwa zehn junge Männer eingepackt in dicke Jacken. Viele von ihnen kommen aus Tunesien. Sie sitzen, reden, lachen und rauchen. Momentan dient das Schlafzelt als Tagesunterkunft. Übernachtet wird in den Wintermonaten in der besetzten Schule.

Am 20. März findet eine Konferenz der Innenminister der Bundesländer statt. Dort wird sich herausstellen, ob auf die Forderungen der Flüchtlinge eingegangen wird.

Tunesischer Flüchtling im Camp / Photo: Sophie Bengelsdorf

Foto von Sophie Bengelsdorf

(Fotos: Sophie Bengelsdorf )

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