Animal Collective – Centipede Hz

Animal Collective - Centipede Hz - CoverSo wie sich die Musikpresse gerade wieder in Lobeshymnen auf The XX ergeht, meint man fast, es sei endlich ein Maßstab gefunden, an dem Bandmusik, die mit Elektronik liebäugelt, zu messen ist. Erhebt man den kargen, eher minimalistisch vertonten Herzschmerz der Londoner zur Norm, ist die Musik von Animal Collective am anderen Ende der Messlatte zu setzen. Wie ein Wirbelsturm durch die Konfettitüte klingt deren neues Album: Schrill, bunt, hysterisch und durch und durch mitreißend. „Centipede Hz“ heißt es und wie der titelgebende Hundertfüßler durch den Wald, wuselt es auf der Platte nur so von Klängen, Geräuschen und Melodien. Es ist das mittlerweile neunte Album, das das Quartett unter der ästhetischen Maxime des größtmöglichen Experimentierwahnsinns aufgenommen hat. Doch wo Eintönigkeit ein Fremdwort ist, überrascht es kaum, dass der Band selbst nach 12 Jahren musikalischen Experimentierens immer noch neue Möglichkeiten einfallen, „Großmutters Weisheit“, dass „weniger mehr“ hermache, ins Gegenteil zu kehren. „Sometimes you gotta go get mad!“ bringt es Sänger Avey Tare in „Today’s Supernatural“ auf den Punkt.

Gerade die ersten Songs des Albums folgen dieser Devise nur zu gerne. Eine tiefe Samplestimme zählt den Countdown herunter, es folgen blecherne Beats, hibbelige Synthklänge und wie bei Alice im Wunderland der Hasenbau, ist „Moonjock“ der Auftakt zu einer wahnwitzigen Reise. Warum da nicht auch einmal die Reize von Apfelkompott mit schillernden Synthies, einem zuckersüßen Piano über wummernden Beats besingen wie in „Applesauce“? Oder einen futuristischen Bonustrack für Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band ersinnen? Dämonisches Lachen in Endlosschleife am Ende inklusive („Wide Eyed“). Unerwartet kommt da Richtung Ende des Albums das nur dunkelbunte „New Town Burnout“, das in seiner hypnotischen, relativen Reduziertheit auch dem ersten Santigold Album gut gestanden hätte. Die Reise endet vier Tracks später im eingängigen „Amanita“ mit einem Versprechen: „I’m gonna come back and things will be different. I’m gonna bring back some stories and games.“ Nimmt man Tare beim Wort, bleibt das Album mit dem Wuseltier im Titel nicht der letzte irre Streich von Animal Collective. Zum Glück! „Centipede Hz“ taugt vielleicht wenig, um dazu schwer verliebt von Engeln zu träumen, doch zum Glück sind The XX nicht der Maßstab an dem man Animal Collective zu messen hat. Am glücklichsten ist am Ende sowieso der, der Platz für beides, den reduzierten Herzschmerz und den grellen Wahnsinn in seinem Herzen hat.

Preview:

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Tracklist:

  1. Moonjock
  2. Today’s Supernatural
  3. Rosie Oh
  4. Applesauce
  5. Wide Eyed
  6. Father Time
  7. New Town Burnout
  8. Monkey Riches
  9. Mercury Man
  10. Pulleys
  11. Amanita

(Domino Records)

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