Der Geist im Nebelwald

Meike Sieveking: ContinuumNaturfotografie ist kein leichtes Genre. Da kommt nur Kitsch bei raus, sagt das Vorurteil. Dabei ist die Aufgabe schwierig. Es geht nicht um das Sammeln von Postkartenmotiven, sondern darum, den „Spirit of Nature“ festzuhalten, also die vielen verschiedenen Wirkungen des Aufenthalts im Freien, welche Gedanken inspirieren und Stimmungen auslösen. Die Studierenden der Neuen Schule für Fotografie in Berlin haben sich unter der Leitung von Thomas Anschütz dieser Herausforderung gestellt.

In einem Seminar mit dem Titel „Natur und Spiritualität“ bekamen sie die Aufgabe, die Natur so einzufangen, dass die hauchdünne Schicht, die den Menschen von seiner Umwelt trennt, im Bild sichtbar wird. Entstanden sind spannende Arbeiten, die derzeit in der Ausstellung „The Pencil of Nature“ im Forum der Neuen Schule für Fotografie zu sehen sind. Fotografin Meike Sieveking hat für uns ein paar Fragen zu ihren Bildern beantwortet.

BLN.FM: Bäume sind ein sehr häufiges Motiv der Fotos. Wo hast du den Wald entdeckt, den du fotografiert hast?

Meike: Den Wald habe ich auf La Gomera entdeckt. Auf meinen Bildern sieht man den jahrhundertealten Nebelwald in der Mitte der Insel – den Garajonay. Ich war auf den ersten Blick fasziniert von dieser Kulisse.

BLN.FM: Der Nebel, das Licht, der dichte Wald, die Konturen, das wirkt alles sehr mystisch, wie eine Traumlandschaft. Hast du den Ort in dieser mystischen Wirkung so in der Natur vorgefunden?

Meike: Die Stimmung im Garajonay war wirklich sehr mystisch. Sobald man ein paar Schritte in den Wald hineingegangen war, wurde man vollkommen „verschluckt“. Dieses Erlebnis wollte ich einfangen. Und diese „Magie“ vor Ort hat es mir möglich gemacht, mich auf die Umgebung zu konzentrieren, es hatte fast eine meditative Wirkung. Ich wollte unbedingt so viel wie möglich in dieser Umgebung fotografieren und bin daher mehrmals in den Wald gegangen, als ich auf der Insel war. Meike Sieveking: Continuum

BLN.FM: Mit „The Pencil of Nature“ ist ein wichtiger theoretischer Text zur Fotografie überschrieben, verfasst vor über 160 Jahren von Fox Talbott, dem Erfinder des Positiv-Negativ-Verfahrens. Talbott schreibt dort, dass in der Fotografie Details der Natur sichtbar werden können, die kein Maler derart realitätsgetreu abbilden könne. Das liegt vor allem an der analogen Technik: die Konturen zeichnen sich in einem quasi „natürlichen“ Vorgang durch Belichtung in den Fotofilm. Wie wichtig war es für dich, dass die Natur sich selbst abbildet? Hat die Natur hier selbst den Stift in die Hand genommen oder hast du viel verändert?

Meike: Ich habe nur sehr wenige Veränderungen in den Bildern vorgenommen. Die Szenen habe ich so im Wald vorgefunden. Das Licht fiel nur für einen ganz kurzen Moment so durch die Wolken auf den Baum und da wusste ich sofort, dass ich einen ganz besonderen Moment eingefangen hatte.

BLN.FM: Welche Technik hast du für deine Arbeiten verwendet und welche Rolle spielten Effekte?

Meike: Ich habe mit einer digitalen Kamera fotografiert und die Bilder etwas am Rechner nachbearbeitet. Hauptsächlich die Farben und den Kontrast habe ich ein wenig verändert, aber nicht mit Effekten gearbeitet.

BLN.FM: Warum hast du deinen Arbeiten den Titel  „Continuum“ gegeben?

Meike: Ein „Continuum“ meint ja zunächst schlicht einen graduellen Übergang, ohne dass sich etwas abrupt verändert. Die Motive meiner Bilder verweisen in meinen Augen darauf, dass das Leben auf unserer Erde einem ständigen Veränderungsprozess unterliegt und ständig neues Leben aus etwas bereits vorhandenem entsteht.

BLN.FM: Kam dir dieser Gedanke beim Fotografieren in der Natur auf La Gomera oder hattest du schon vorher die Idee und hast „nur“ das passende Bild dazu gesucht?

Meike: Nein, dieser Gedanke kam mir erst beim Fotografieren im Nebelwald.

BLN.FM: Wirst du die Naturfotografie weiter verfolgen oder weißt du schon, welchen Weg du als Fotografin einschlagen wirst?

Meike: Ich werde mich sicher in Zukunft weiterhin auf die Naturfotografie konzentrieren. Die Fotografie bietet allerdings so viele Möglichkeiten, dass ich noch nicht sagen kann, wohin mich mein Weg führen wird.

„The Pencil of Nature“, noch bis zum 30. September 2012 im Forum der Neuen Schule für Fotografie, Brunnenstraße 188-190, Berlin-Mitte, U-Bahn: Rosenthaler Platz. Geöffnet Mittwoch bis Sonntag, 14 bis 19 Uhr, Eintritt frei.

(Fotos: Meike Sieveking)

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