F. C. Judd – Electronics Without Tears

„Well, you may have noticed in that recording the particular rhythm behind the music which comes from a tape loop. And the use of the tape loop is probably one the most striking aspects of what more closely recent is popular rhythmic music. And with the tape loop it’s possible to make all sorts of complicated and normally unplayable rhythms.“

(„Nun, vielleicht haben Sie an dieser Aufnahme den bestimmten Rhythmus hinter der Musik bemerkt, der von einer Tonband-Schleife kommt. Die Nutzung solcher Schleifen ist wohl einer der auffälligsten Aspekte der jüngeren, rhythmisch betonten Populärmusik. Und mit der Schleife ist es möglich, alle möglichen komplizierten und in der Regel unspielbaren Rhythmen zu erschaffen.“)

Es ist einer der Schlüsselsätze des Albums, den Frederick Charles Judd in seiner ihm eigenen Art durch die Boxen nuschelt, und er gilt gleichsam für große Teile der elektronischen Tanzmusik. Jeder Clubgänger wird das bestätigen können. Der Gebrauch von Loops, also kurzen, sich wiederholenden musikalischen Fragmenten, bildet das Grundgerüst für die meisten Spielarten populärer Musik, darunter auch House, Techno, Drum’n’Bass, Dubstep oder HipHop. Während die Aneinanderreihung von Loops heutzutage dank „Copy & Paste“ an Computer, Sampler oder Drumcomputer keinerlei Hürden mehr birgt, war es zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts noch eine umständliche Maloche, an den Tonbändern selbst herumzuschnippeln, um einen Loop zusammenzukleben. Avantgardistischen Pionieren der Tape Music wie John Cage, der Musique Concrete wie Pierre Schaeffer oder der Elektronischen Musik wie Karl-Heinz Stockhausen ist die pfrimelige, aber wichtige Vorarbeit an den Tonbändern zu verdanken. Ab den 1970er Jahren wurden entsprechende Wiederholungsprinzipien von Discoproduzenten wie Tom Moulton oder HipHop-Wegbereitern aus der Bronx wie Kool DJ Herc auch für populäre Musik umgesetzt.

„Well, you may have noticed“ ist aber auch deswegen einer der Schlüsselsätze dieses Albums, weil er für die Zurückhaltung von F. C. Judd selbst stehen könnte. 1914 wurde er in London geboren, interessierte sich schon bald für die technische Funktionsweise des Radios und arbeitete während des Zweiten Weltkriegs auch als Radartechniker. Nach dem Krieg vertiefte er sein Interesse für experimentelle Klangarbeiten, wobei er auch zu Feldaufnahmen, Synthesizern, Ringmodulatoren und eben Tonbandgeräten griff. Es war die Zeit, als überall auf der Welt Studios für experimentelle Klangforschungen eingerichtet wurden, um das Potential von Tonband- und Synthesizerkompositionen als musikalischen Instrumenten auszuloten und die Grenzen zwischen Geräusch, Klang und Musik neu zu definieren. Seinem enormen Interesse für diese Klangforschung entsprechend konstruierte Judd sogar einen eigenen Synthesizer und verfasste zahlreiche Fachartikel und fast ein Dutzend Bücher. Offensichtlich blieb der immer nur als Amateur agierende Judd mit seinen Arbeiten jedoch im Schatten von Stars der Neuen Musik und Avantgarde wie Stockhausen, Cage, Steve Reich oder Pierre Henry.

Bereits als Judd 1992 starb, war sein Werk größtenteils in Vergessenheit geraten. Dann übernahm das British Library Sound Archive in Zusammenarbeit mit Judds Witwe die Verwaltung des Nachlasses, der aus einer umfangreichen Sammlung an Klangstudien, von Judd selbst eingesprochenen Gebrauchsanweisungen und weiteren, wohl als Skizzen zu betrachtenden Stücken besteht. Dem Label Public Information ist es zu verdanken, dass das lange Zeit übersehene Werk von F. C. Judd in einer etwa einstündigen Collage neu zusammengestellt wurde. „Electronics Without Tears“ versteht sich als Anthologie von F. C. Judds relevanten, aber leider in Vergessenheit geratenen Arbeiten. Das Album besteht aus 35 Stücken, die einen beeindruckenden Schatz vergessener elektroakustischer Forschung rehabilitieren und damit einen ordentlich aufbereiteten Beitrag zur Geschichte der elektronischen Musik bieten. Es präsentiert darüber hinaus einen enthusiastischen, aber stets im Amateurbereich gebliebenen Klangbastler, der uns mit unnachahmlichem britischen Understatement durch sein eigenes Schaffen führt.

Preview (Auswahl):

[podcast:]http://media.bln.fm/media/audio/previews/fc_judd_electronics_without_tears_preview.mp3[/podcast]

Tracklist:

  1. China Bowl
  2. Suspended Motion
  3. Molecules In Space
  4. Atoms In Action
  5. Speed Through Space
  6. Steel Particles
  7. Space Laboratary
  8. This Is Fred Judd Here
  9. Automation
  10. Perpetua
  11. This Loop Business
  12. Tempo Tune
  13. Well You May Have Noticed
  14. Moving Pieces
  15. Sprockets
  16. Studio Equipment
  17. Fright
  18. Ghosts
  19. Mysterioso
  20. Fright Heartbeat
  21. Spooks
  22. Maniac Laughter
  23. So Let’s See
  24. Broken Guitar
  25. Weird Sounds
  26. Space Links
  27. Pseudocide
  28. Fairground
  29. Synthesize a Sound
  30. Voltage Control 1
  31. Voltage Control 2
  32. Voix Angelique
  33. Etude Piano
  34. Musique Concrete Is Fascinating…
  35. Cheery Bye

(Public Information)

 

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