Mit dem Bauch durch die Wand

Mit dem bauch durch die Wand

Wir kennen die Bilder aus dem Reality TV: Cindy (ausgesprochen natürlich „Zündieh“) und Chantal, die eine 13, die andere 15 Jahre alt, schieben, die Zigarette im Mundwinkel, das Handy in einen Hand, ihre Kleinkinder Kevin und Jeremy-Pascal durch die Plattenbauschluchten von Marzahn. Verhütung hat für sie etwas mit Kopfbedeckungen zu tun, ihr Lebenskonzept heißt Hartz IV.

Anka Schmidts Langzeitdokumentation „Mit dem Bauch durch die Wand“ ist davon zum Glück Lichtjahre entfernt. Über drei Jahre begleitete sie drei junge Mütter, die bei der Geburt ihres ersten Kindes erst siebzehn oder achtzehn Jahre alt waren. Anka Schmidt machte den Job von Kamerafrau, Tonassistentin und Interviewerin in einer Person. Deshalb konnte das Ergebnis so unglaublich ehrlich und authentisch sein. Es wird nicht übertrieben, nichts dick aufgetragen, wir erleben Menschen, wie sie sind, mit all den Freuden und Leiden, die es bedeutet als Minderjährige ein Kind groß zu ziehen. Wir dürfen an einem beeindruckenden Reifeprozess teilhaben, während dessen Verlauf sich Teenager zu verantwortungsbewussten Eltern entwickeln: zu jungen Erwachsenen.

Besonders schön ist, dass wir drei verschiedene Menschen in jeweils unterschiedlichen Situationen und mit jeweils anderen Herangehensweisen erleben. Es gibt keine Patentlösung, aber der Film beweist, dass man Kinder nicht nur in gutbürgerlichen Vorstadt-Einfamilienhäusern mit Vollkorndinkelbrot und Kinder-Yoga großziehen kann. Und er zeigt, dass auch Teenager durchaus in der Lage sind gute Eltern zu sein – und deshalb nicht auf sie herabgeschaut werden sollte.

„Mit dem Bauch durch die Wand“ ist die wohl spannendste Dokumentation, die ich je gesehen habe, und das ganz ohne Drama und weltumspannende Verschwörungen. Einfach nur das Leben an seiner Wurzel, ehrlich und nah. Vom inhaltlichen Schwerpunkt aus gesehen für mich der bedeutendste Film in dieser Sektion, der die Kraft besitzt, dass zweiseitige Dogma des Kinderkriegens in unserer Gesellschaft zu beheben. Da bekommen sogar Männer mal so richtig Lust auf Papa-Sein.

Termine

  • 17.2.2011 9:30 Haus der Kulturen der Welt, Kino 1

Orte

  • Haus der Kulturen der Welt, John-Foster-Dulles-Allee 10, Berlin-Tiergarten, Bus 100,  S-Bahn: Hauptbahnhof

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