Salonmusik im Zwischenreich

Hildur Gudnadóttir live in GentE gegen U. Klassik gegen Unterhaltung. Elite gegen Masse. Anspruch gegen banales Tralala. Seit fast einem Jahrhundert streiten sich Musiktheoretiker, Intellektuelle und andere Besserwisser über dieses Thema. Ganz vorn mit dabei: Theodor W. Adorno, brillianter Gesellschafts- und Musiktheoretiker. Mitte des 20. Jahrhunderts befasste er sich mit der Bedeutung von Musik und lieferte auch gleich eine ästhetische Bewertung: die klassische Musik hat Anspruch und ist „gut“, alle andere Musik ist „primitiv“.

Diese wertende Trennung verwischt immer weiter, die Grenzen zwischen E und U lösen sich auf. Das einfache Schubladendenken funktioniert nicht mehr. Die Tendenz läßt sich vor allem an den spannenden Verflechtungen von Klassik und Elektronik beobachten. In der elektronischen Musik halten immer mehr kompositorische Ansätze und Instrumente aus dem klassischen Bereich Einzug. Carl Craig und Matthew Herbert bearbeiten Werke klassischer Künstler in der sehr erfolgreichen ReComposed-Reihe der Deutschen Grammophon. Auf der anderen Seite veröffentlichen Solisten aus dem klassischen Bereich elektronische Platten. So machten die beiden Pianisten von Aufgang, Francesco Tristano und Rami Khalifé, in den letzten zwei Jahren mit ihren Platten Furore. Und so sieht man in einigen Clubs neben den üblichen Synthesizern und Effektgeräten auch mal einen Flügel, ein Cello, eine Harfe, eine Geige… Neo-Klassik ist der etwas tollpatschige Begriff, mit dem Medien dieses Phänomen benennen.

Musiksalon Palais Wittgenstein / wikipedia

Die  Berliner Festival Club Transmediale begleitet schon seit Jahren diese Entwicklung, 2011 mit der Reihe Palais Wittgenstein im .HBC. Namensgebend ist der prunkvollen Palast der Industriellenfamilie Wittgenstein in Wien, der Ende des 19. Jahrhunderts Treffpunkt der Wiener Kunstszene war. Im Musiksalon des Palais fanden zwischen Kunstwerken von Gustav Klimt Konzerte in aristrokratischen Ambiente statt. Marc Weiser, Kurator der Reihe, möchte diese Atmosphäre im Kinosaal des .HBC am Alexanderplatz wieder aufleben lassen. Zwischen den holzvertäfelten Wänden soll eine „Renaissance der kammermusikalischen Aufführungspraxis“ stattfinden, so auch der Untertitel der Konzertreihe. Künstler aus dem Grenzbereich zwischen elektronischer und klassischer Musik werden an vier Abenden im Rahmen eines Musiksalons vorwiegend akustisch spielen.

Mit dabei sind Künstler wie der Schlagzeuger Simon Scott (UK), Ryan Francesconi (USA), Multiinstrumentalist und musikalischer Begleiter der Harfenspielerin Joanna Newsom und der für seine minimalistische Pianomusik bekannte Pianist David Wennegren aka Library Tapes.

Highlight ist das Konzert der isländischen Cellistin Hildur Gudnadottir und des Pianisten Hauschka am Freitag, dem 4. Februar. Gudnadottir wartet mit wunderschönen Cello-Kompositionen auf, die mal nach Bach, mal nach Sigur Rós klingen. Damit verzauberte sie jüngst das Publikum auf dem Unsound-Festival in Krakau (BLN.FM berichtete). Hauschka wiederum lotet auf originelle Weise den Grenzbereich zwischen E- und U-Musik aus. Kam dabei bisher hauptsächlich sein präpariertes Klavier zum Einsatz, holte er sich für das Ende 2010 veröffentlichte, großartige Album „Foreign Landscapes“ die Unterstützung des Magik Magik Orchestra aus San Francisco hinzu. John Cage trifft Steve Reich.

Auch wenn die Reihe im Rahmen der Club Transmediale präsentiert wird, gilt das Festival- bzw. Kombi-Ticket nicht für die Konzertreihe im .HBC. Tickets hierfür müssen für jeweils 10€ extra erworben werden. Es empfiehlt sich, recht bald Tickets zu besorgen, denn die Konzerte sind jeweils auf 100 Plätze limitiert – es kann davon ausgegangen werden, dass sie schnell ausverkauft sein dürften. Hier geht’s zum Vorverkauf der CTM.

Termine:

Mi 2.2, 20 Uhr: Simon Scott (UK), Erik K. Skodvin aka Svarte Greiner (NO), Markus Fjellström (SE)
Do 3.2, 20 Uhr: James Blackshaw (UK), Ryan Francesconi (USA)
Fr 4.2, 20 Uhr: Hildur Gudnadòttir (IS), Hauschka (DE)
Sa 5.2, 20 Uhr: Greg Haines (UK), Library Tapes (SE)

.HBC, Karl-Liebknecht-Str. 9, Berlin-Mitte, S-/U-Bahn: Alexanderplatz

Kommentar verfassen