Röyksopp – Senior

Röyksopp - SeniorAha, Röyksopp sind also die neuen Air. Oder so ähnlich. Zumindest hört man einige sagen, dass „Senior“, das vierte Album der Norweger, irgendetwas zwischen „10.000 Hertz Legend“ und „The Virgin Suicides“ sei. Wenn schon „Melody A.M.“ die nordische „Moon Safari“ war. Aber halt, bitte der Reihe nach.

Folgende Fakten sind gesichert: „Röyksopp“ bedeutet „Atompilz“ auf norwegisch – und jener wunderbare Name dient zwei dezent nerdigen Elektronikern aus dem sehr nördlichen Tromsø seit vielen Jahren als Pseudonym für die Veröffentlichung ebenso schöner wie erfolgreicher Synthie-Pop-Musik. Svein und Torbjørn kennen sich seit ihrer Kindheit und haben schon in den 90ern mit stark unterkühlten Ambient-Tracks eine Welle angestoßen, die bald auch Erlend Øye an die Oberfläche der Elektromusik gespült hat. Erlends Stimme war Trademark und wesentlicher Erfolgsfaktor der ersten Röyksopp-Singles und ist seitdem bekanntlich omnipräsent, nicht nur durch seine eigenen zahlreichen Bandprojekte.

Auf Röyksopps neuem Album singt Øye allerdings nicht – da singt nämlich gar keiner, das Werk ist vollständig instrumental. Dies ist einer der Bögen, die „Senior“ schlägt: Es wirkt wie das andere Ende des Regenbogens, dessen Anfang das zeitlose Debütalbum „Melody A.M.“ bildet. Stimmung und Klangfarbe sind sehr ähnlich, jedoch wirken die Kompositionen reifer, ohne dabei schwerer oder ernster rüberzukommen. Denn die neuen Tracks strahlen immer noch die Röyksopp-typische Leichtigkeit und Nonchalance aus, sind jedoch weniger verspielt und farbenfroh als die Stücke besonders des letzten Albums „Junior“. Womit wir beim zweiten, offensichtlichen Bogen wären: Der Senior hat natürlich etwas mit dem Junior zu tun.

Anscheinend sind beide Alben parallel entstanden, was auch die längere Pause vor „Junior“ und die recht kurze zu „Senior“ erklärt. Die entstandenen Stücke dergestalt sortiert zu veröffentlichen, lag als Konzept vermutlich auf der Hand – denn so werden den überbordend poppigen Tracks des letzten Albums nun die sphärischen, kaum tanzbaren des neuen im Kontrast gegenübergestellt. Ein dritter Bogen wird gespannt: der zurück zu den Wurzeln des Duos. Denn „Senior“ ist so sehr Ambient wie es keines der bisherigen Alben war. Vielschichtige, melancholisch-harmonische Synthie-Flächen treffen auf entspannte Beats und mild pushende Bässe. Kein Gesang setzt hier Zeichen, der Hörer wird gänzlich seiner Phantasie überlassen. Besonders die zweite Hälfte der neun Tracks verliert sich irgendwann in den Wolken über dem Fjord.

Vier Alben brauchen vier Bögen: Es gibt noch eine weitere Verbindung, die das bisherige Werk von Röyksopp zu einer runden Sache macht. Betrachtet man nämlich „Melody A.M.“, aufgrund seiner Stimmung und des Artworks, als Manifest des subpolaren Winters, so folgt „The Understanding“ mit seiner aufkeimenden Farbigkeit als Frühlingsalbum und „Junior“ mit seinen leuchtend bunten Poptracks als Repräsentant des Sommers. Und was ist dann wohl „Senior“? Richtig, die Dämmerung des Jahres, die goldene Zeit des Übergangs, die Verbindung zwischen Lebensfreude und Traurigkeit, der vertonte Herbst. Worauf ja bekanntlich wieder ein Winter folgen müsste. In Röyksopps Fall also ein Neuanfang.

Und während die Norweger also möglicherweise ihre musikalische Wiedergeburt vorbereiten, setzen wir uns warm eingepackt im Schaukelstuhl auf die Terrasse vor dem Blockhaus, hören das wunderschöne „Senior Living“, den wohl programmatischsten Track des neuen Albums, auf Repeat und warten auf den ersten Sonnenuntergang am Ende des Polartages. Ach, alt werden ist im Norden doch bestimmt viel schöner als in Frankreich.

Preview:

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Tracklist:

  1. …And The Forest Began To Sing
  2. Tricky Two
  3. The Alcoholic
  4. Senior Living
  5. The Drug
  6. Forsaken Cowboy
  7. The Fear
  8. Coming Home
  9. A Long, Long Way

(Pias/Rough Trade)

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