re:publica 2010 – Schatten über dem digitalen Utopia

re:publica 2010Vom 14.-16. April trafen sich über 1000 Netz-Prominente, Blogger und Wissenschaftler zur re:publica 2010 im Friedrichstadtpalast Berlin um über die gesellschaftlichen Entwicklungen zu reden, die mit dem Erfolg sozialer Netzwerke wie Facebook und Twitter zusammenhängen. Neben Weltverbesserung durch Vernetzung und Digitalisieren betrieben die Netzaktiven selbst Gruppenanalyse: man las sich 140-Zeichen-Nachrichten aus Twitter vor, spekulierte über Verschwörungen oder lästerte kollektiv über die Kleinigkeiten, welche im Netzalltag nerven.

Im Zentrum der re:publica 2010 stand jedoch, wie wirklich die Internet-Utopie noch ist. Was ist noch dran an der Vorstellung des Netzes als ein herrschaftsfreier, weltumspannender Raum und Motor der Demokratisierung der Gesellschaften weltweit? Die Antwort fällt 2010 nicht mehr so optimistisch aus wie vor einigen Jahren. Unter die begeisterten Optimisten haben sich zahlreiche Skeptiker gemischt:  scheinbar hat es sich für viele ausgeträumt, jedoch noch nicht für alle.

Noch sprechen die Visionäre vom Internet als „neuen Kontinent„, als Raum der scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten für Demokratie und Gesellschaft. Psychologe Peter Kruse schwärmt von den Erregungswellen, welche durch soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter jagen und Politiker und Unternehmen zum Handeln zwingen können. Und unibrennt-Aktivist Luca Hammer aus Wien zeigte, wie dank studivz und Echtzeitnachrichten die Studierendenproteste von Universität zu Universität im gesamten deutschsprachigen Raum übersprangen.

re:publica 2010: Sascha Lobo, Überlebender von Shitstürmen, by Andy Macht

Die hässliche Seite dieser Dynamik heißt Shitstorm. Vorzeige-Blogger Sascha Lobo hat „mindestens 35“ am eigene Leib erfahren. Es handelt sich dabei Kübel hässlicher Häme, emotionaler Entrüstung und persönlicher Beleidigungen, die meist anonym über besonders exponierte Zeitgenossen ausgeschüttet werden. Wo einerseits Kampagnen mit hehren Zielen Fans sammeln, setzen auch Fanatiker und Informationsagenten auf den Schneeballeffekt von Facebook und Co.

Auch im größeren Rahmen ziehen 2010 die fröhlich-digitalen Utopien nicht mehr. Politikwissenschaftler Evgeny Morozov machte klar, dass soziale Netzwerke in den Händen von autoritären Regimen machtvolle Instrumente der Überwachung, Propaganda und Verfolgung stellen. Anhand von Fotos wurden nach den iranischen Unruhen Teilnehmende identifiziert und verhaftet. Teile der Blogosphäre in Osteuropa sind in den Händen von verdeckt operierenden Söldnern, welche Informationen und Kommentare im Sinne von den zahlenden Auftraggebern streuen.

Für die Aktivisten einer schöneren, besseren Welt sind die großen Netzwerke weniger nützlich als viele glauben. Der Klick, um virtuell eine Petition zu unterschreiben oder Fan einer sozialen Bewegung zu werden ist schnell gemacht. Das heißt aber noch lange nicht, dass bei der nächsten Aktion mitgemacht wird. Erregungswellen schwappen höher, aber sie sind auch schneller wieder abgeebbt. Das ist die Diagnose von Geert Lovink, schon seit den 1990ern Netzaktivist und Internet-Forscher. Keine gute Zeiten für soziale Bewegungen, welche komplizierte Themen behandeln und auf längerfristige, tatkräftige Unterstützung angewiesen sind.

Medienökonom Sebastian Deterding aus Hamburg räumt dazu passend mit zentralen Mythen auf, welche die Internet-Euphorie begleiten. Das Internet ist nicht dezentral und ausfallsicher, denn die internationalen Datenströme konzentrieren sich auf immer weniger Knoten im weltweiten Netz. Die können effektiv durch Staaten und Unternehmen kontrolliert werden. China beweist das. Und auch die neuen Technologien, die bunt und benutzerfreundlich wie beim Apple iPad Inhalte, Anwendungen und Hardware aus einer Hand verkaufen, führen dazu, dass die Macht solcher Unternehmen wächst. Inhalte, die nicht passen, weil sie porno und rebellisch sind, oder einfach das Geld der Nutzer nicht in die eigene Tasche fließen lassen, können geblockt oder verlangsamt werden.

Das ist nicht Zukunft, sondern Gegenwart: Schon mal das Telefonieren über Skype auf einem Telekom-Handy probiert? Funktioniert nicht. Unternehmen wollen sich zunehmend für die Durchleitung von Inhalten bezahlen lassen oder blockieren Anwendungen, die technisch möglich sind. Dieser Angriff auf die  Netzwerkneutralität seitens großer Unternehmen wurde einen Tag lang ausführlich diskutiert. Das Internet wird eingezäunt, aus der weiten Datenprärie wird Farmland.

Aber nicht nur die Fertigprodukte der Konzerne sorgen dafür, dass die Freiräume für zufällige, willkürliche Entscheidungen, wie sie Menschen, aber nicht Computern möglich sind, geringer werden. Darüber sprach Medienprofessorin Miriam Meckel. Computerbasierte Empfehlungen von Amazon oder Apple Genius spucken nur Ergebnisse aus, die sich in den Grenzen des Erwartbaren und Herleitbaren bewegen. Echte Überraschungen bleiben aus. Noch schlimmer: Überwachungstechnologien nötigen Menschen dazu, einmal aufgestellte Regeln stets restriktiv anzuwenden. Eine Politesse muss den Strafzettel austeilen, wenn der Videobeweis existiert – ohne Kamera hätte sie vielleicht ein Auge zudrücken können. Menschen wird so dank Technik vorgegeben, wie sie zu entscheiden haben.

re:publica 2010: Felix Schwenzel von bosch_hh/flickr

Auch wenn der Abschlussvortrag von Felix Schwenzel kaum auf diese harten Themen zurückgriff, so stellte der Blogger doch sehr treffend fest: „Das Internet ist scheiße, weil die Welt scheiße ist.“ Beides hängt zusammen – das Internet ist eben doch kein neuer Kontinent. Denn es wird gemacht von Menschen, die auch die „richtige Welt“ zu einen solchen Ort machen, wie er ist.

BLN.FM von der re:publica 2010

re:publica 2010: bln.fm sendete auf alex berliln

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(Fotos von bosch_hh, Birgit Firlinger, Andy Macht)

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