Was Clubkultur mit steigenden Mieten zu tun hat.

Tempelhof und Megaspree, Kreuzkölln und abgefackelte Autos. 2009 redete Berlin über Gentrifizierung.  Das Wort ist zum Allgemeingut geworden: es beschreibt die Entwicklung, wenn Zeitgenossen mit dickeren Portemonnaies, vermeintlich aus Schwaben oder Bayern, sich in die angesagten Stadtviertel einkaufen. Dann steigen die Mietpreise und die Leute, die vorher da waren und eher knapp bei Kasse sind, müssen weg.  Das sorgt für Unruhe in Berlin.

Gentrifizierung, das ist so ein Modewort in Diskussionen, die derzeit an den Küchentischen in Berliner WGs laufen. So ähnlich wie „Globalisierung“ in den 1990ern. Alle wissen, das sie da auf der richtigen Seite stehen, wenn sie dagegen sind. Das meinte Tobias Rapp, Spiegel-Journalist und Verfasser des Clubreports „Lost And Sound“ bei der Diskussion mit dem Titel „Das Event, die Stadt und das Eigentum“ im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Live Is Live“ am 16. Januar 2010 im Hebbel am Ufer. Hier sollte es eigentlich darum gehen, welche Rolle Kultur und Nachtleben bei der Gentrifizierung spielen. Geladen war Andrej Holm, Stadtsoziologe und 2008 für drei Wochen eingesperrt, weil die Berliner Staatsanwaltschaft meinte, er wäre der geistige Kopf der terroristischen Militanten Gruppe, die in Berlin Autos abgefackelt hat. Außerdem saßen auf dem Podium: Gerrit Schulz, Betreiber des WMF, Björn Böning, glückloser Friedrichshainer SPD-Direktkandidat bei der letzten Bundestagswahl, Ted Gaier, Mitglied der Hamburger Intelligenz-Punk-Band Die Goldene Zitronen und Mitautor eines offenen Briefes gegen die Vereinnahmung von Künstlern durch das Hamburger Stadtmarketing (Not In Our Name), sowie die Moderatoren Jenz Balzer (Spex, Berliner Zeitung) und Christoph Gurk (HAU).

Andrej Holm erklärte, was es aus Sicht der Stadtforscher mit Kunst und der Gentrifizierung auf sich hat: Künstler sind normalerweise Vorboten für zukünftig steigende Mieten- und Immobilienpreise in einem Stadtviertel. Wenn sie sich in einer vorher runtergekommenen Gegend wegen der niedrigen Mieten ansiedeln und weitere dazukommen, kann aus einstiger Ödnis ein urbaner Hotspot werden. Und sowas finden Immobilienhaie gut: plötzlich wollen ganz viele, die cool sein wollen, am „place to be“ wohnen. Die Gegend bekommt „das gewisse Etwas“, im BWLer-Sprech den unique selling point, welcher Nachfrage und die Preise fürs Wohnen steigen lässt. Die Bewohner, die vorher da waren, dürfen dann gehen, weil sie die höheren Mieten nicht mehr bezahlen können.

So weit die Theorie. Zumindest was Clubkultur betrifft sieht es in Berlin ein bisschen anders aus. Gerrit Schulz vom WMF ist mit seinem Club siebenmal in Berlin-Mitte umgezogen, zuerst illegal, danach als Zwischennutzer. Schnell war klar, dass es wohl falsch ist, das WMF als Katalysator einer Gentrifizierung zu begreifen – schließlich waren die meisten Standorte in Berlin-Mitte – Potsdamer Platz und Klosterstrasse – nie in einer Wohngegend. Auch andere Berliner Institutionen des Nachtlebens – Bar25, Berghain, Tresor, Maria, Watergate – haben sich eher in den innerstädtischen Industriebrachen und Bürokomplexen angesiedelt, bei denen es kaum Anwohner gibt. Damit war das Potential für eine lebendige Auseinandersetzung schon weitestgehend verpufft. Bleibt der Gentrifizierungseffekt, der dadurch entsteht, dass das legendäre Nachtleben Berlin zu einer sexy Stadt macht, in der viele junge Menschen gern wohnen. Aber kann irgendjemand ernsthaft was dagegen haben?

Der beklagte Gentrifizierungseffekt in Stadtvierteln geht wohl weniger von Diskothekenbetrieben, wie im Behördenjargon selbst das Berghain tituliert wird, sondern von lokalen, noch unkommerziellen Kulturprojekten aus: die Kiezkneipe mit Ausstellung und DJ um die Ecke, die Boutique von Designstudierenden, die geheimnisvolle Hinterhof-Disko und das halblegale Kellerkino in der Straße. Sind diese Projekte erfolgreich, folgen bald die Latte Macciatto-Abfüllstation, der Bioladen und die Boutique für Markenklamotten – und die Verteuerung eines Viertels wird in Gang gebracht.

Was sollten also diese Macher tun, um nicht vor den Karren der Immobilienhaie gespannt zu werden? Stadtsoziologe Andrej Holm hatte da Vorschläge: 1. Kulturorte sollten sich über Gebiete verteilen, nicht konzentrieren. 2. Kulturorte sollten kommerzielle Entwickler abschrecken, in dem sie ein Klima der Verunsicherung schaffen. Beispiel: die Punk-Höhle Köpi, bei der die beiden Nachbargrundstücke leer stehen. (Gelächter im Publikum.) 3. Kunst soll öffentlich mit den vorhandenen Bewohnern umliegender Gebiete im Widerstand gegen kommerzielle Interessen interagieren. (Mehr dazu auf Andrej Holms Gentrification-Blog.)

Jetzt hätte es wirklich interessant werden können, wenn nur Gerrit Weber vom WMF gefragt worden wäre, was er als Clubbetreiber und Unternehmer mit Kulturanspruch zu diesen Vorschlägen meint. Warum ist er mit seinem Projekt nicht nach Hellersdorf gezogen? Warum macht er nicht Stadtteilarbeit? Warum sieht sein Laden nicht aus wie die Köpi? Die Frage lag in der Luft, allein die Moderatoren kamen nicht drauf. Die machtvolle Illusion einer Übereinstimmung von Künstlern, Techno-Kulturunternehmer und Gentrifizierungskritikern – für die auch die Megaspree-Initiative steht – blieb unangetastet. Dabei ist offensichtlich, dass zwischen Holms Anti-Gentrifizierungs-Ratschlägen und den Interessen von Kulturmachern Widersprüche bestehen. So gingen die Teilnehmer dann nach anderthalb Stunden höflich in falscher Harmonie auseinander – Chance vertan, um mal frische Luft in die Debatte zu lassen.

3 Antworten zu „Was Clubkultur mit steigenden Mieten zu tun hat.

  1. Interessantes Thema. Ein „Klima der Verunsicherung“ würde erfolgreich nicht nur die Kommerzialisierung stoppen, sondern gleichzeitig auch noch die Wohnqualität mindern. Ist also Quatsch. Und der öffentliche Widerstand gegen kommerzielle Interessen: Wer beurteilt, wo Kommerz anfängt? Ab wann passt ein Café nicht mehr ins Bild? Grenzen würden sich automatisch ständig nach hinten verschieben. Und sind es nicht zum Teil die reicher werdenden Bewohner/Künstler selbst, die sich auch mal was besseres leisten können wollen und den Kommerz dann doch willkommen heißen? Beginnt es nicht schon damit, dass arme Studenten im Kiez wohnen bleiben und mit dem Einstieg ins Berufsleben endlich das Geld für eine Renovierung aufbringen können (und damit die Preise in die Höhe treiben)? Sehr kompliziert das ganze…
    Clubs spielen hier sicherlich eine extrem untergeordnete Rolle, da für Clubs sicherlich vor allem gilt, dass sie sich eine Gegend mit passenden Bauten und mit wenig Anwohnern suchen müssen (Preise und Lärmbelästigung), die nicht allzu schwer erreichbar sein darf. Clubbesucher hingegen ziehen höchstens in dieselbe Stadt (Berlin), nicht aber in die direkt Nähe: einmal am Wochenende von der Clubnähe profitieren zu können, wiegt andere Nachteile sicherlich lange nicht auf.

  2. @Knusper:

    Sie schreiben:
    „Ein “Klima der Verunsicherung” würde erfolgreich nicht nur die Kommerzialisierung stoppen, sondern gleichzeitig auch noch die Wohnqualität mindern. Ist also Quatsch.“

    Das ist genau der entscheidende Punkt: Für Sie bedeuten Orte wie die Köpi und gelebte Widerstandskultur, die sich für einige BerlinerInnen anscheindend auch durch das Anzünden hochwertiger Autos ausdrückt, eine Minderung der Wohnqualität. Dies ist jedoch lediglich ein subjektiver Standpunkt, schließlich ist der Sympathisantenkreis für alternative Kultur und die linksradikale Community (wo durchaus punktuell eine Identität vorherrscht) in den Kiezen, um die es hier geht (Fhain, SO36, Nordneukölln, Teile von Pberg/Mitte) belegtermaßen recht hoch. So gehört eine (vermeintlich) linksradikale Einstellung (hinter der zwar oftmals nicht viel anderes als phrasenhafte Ablehnung des Kapitalismus etc steckt) z.B. in weiten Teilen Kreuzbergs zum „natürlichen“ Lebensgefühl. Viele Menschen leben dort lieber neben der Köpi als neben dem einen oder anderen schicken Café.
    Dies ist der Grund dafür, warum die Thematik für lange Zeit aktuell in Berlin sein wird und nebenbei eine verschärfte Überwachung und höhere Strafen für politisch motivierte Sachbeschädigungen eher kontraproduktiv sein wird (da Solidarisierungsprozesse innerhalb der Bevölkerung vorprogrammiert wären).

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