Musik in einer geteilten Stadt: Gudrun Gut vs. Ronald Lippok

Gudrun Gut vs. Ronald LippokBerlin gilt seit einigen Jahrzehnten als sich ständig wandelnder Brennpunkt für Musik und genießt den weltweiten Ruf als eine der wichtigsten Städte elektronischer Musik. Bereits vor dem Fall der Mauer entwickelten sich sowohl im Osten wie auch im Westen eigene Klangwelten. In einer offenen Paneldiskussion berichten Vertreter beider Teile aus ihrer Perspektive heraus.

Roland Lippok wurde 1963 in Ostberlin geboren und fing in der ehemaligen DDR mit New Wave und Punk an. Nach dem Mauerfall erlangte er unter anderem mit dem Elektronikprojekt „Tarwater“ internationale Anerkennung. Gudrun Gut, geboren 1960, wuchs in der Lüneburger Haide auf, kam Ende der 70er Jahre zum Studieren nach Westberlin. Zeitgleich begann sie, diverse Bands zu gründen. Zu den wohl bekanntesten zählen die Einstürzenden Neubauten und Malaria!. 2007 veröffentlichte sie ihr erstes Soloprojekt „I put a record on“, heutzutage moderiert sie Ocean Club Radio auf Radio Eins und spielt auf Performances.

Das Schaffen von Musik erwies sich in Ostberlin zu Beginn der 1980er Jahre als Herausforderung. Es verlangte nach ein wenig Kompromissbereitschaft, kombiniert mit etwas kreativem Organisationstalent. Um live zu spielen, bedurfte es im damaligen Osten der so genannten „Pappe“. Für eine Band namens „Rosa Extra“, benannt nach einem Tampon, die noch dazu Stasi-feindliche Texte verbreitete, keine leichte Angelegenheit. Letztendlich boten Gärten, Privatgrundstücke und Kirchen den Raum für Gigs. In Westberlin dagegen bestand die Schwierigkeit in der quasi nicht vorhandenen Pop- und Rockkultur. Die Musikszene verschmolz mit der Kunst- und Filmszene, gespielt wurde unter anderem in Galerien. Irgendwann kam man auf die Idee, das SO36 anzumieten, um zusammen mit einer Hand voll anderer Bands auftreten zu können.

Der Fall der Mauer entriss der Polizei im Osten ein Stück Boden unter den Füßen, woraufhin sie zur einer Ansammlung leicht verwirrter Gesetzeshüter wurde. Überfordert von zu viel Freiheit, des Schutzschilds in Form eines Gesetzbuches beraubt und zwangsgezähmt, wurden Konzerte, Partys oder der Verkauf von Alkohol mit einem verunsicherten „Aha“ quittiert, Konsequenzen blieben jedoch aus. Aus dem ehemals streng reglementierten Osten wurde eine intensive, hochautonome Partyzone. Ganz anders hingegen in Westberlin: die depressive Stimmung in der Insel schlägt Gudrun Gut auf‘s Gemüt und sie überlegt sich, Berlin zu verlassen. Doch mit Verschwinden der Mauer verschwand auch der Wunsch nach der Flucht. Erst in letzter Zeit ruft sie sich die guten Seiten Westberlins zurück ins Gedächtnis und versteht auch die Nostalgie eines Teils der ehemaligen Ostberliner, der sich die „guten alten Zeiten“ zurück wünscht.

Um mehr über Dinge wie den Erwerb und Kult rund um die Kassette, die Nostalgie aus Ost und West, die Zeit des Mauerfalls, sowie die heute wahrgenommene Musikszene zu erfahren, gibt‘s die Diskussion hier in voller Länge zum Anhören.

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Die Aufzeichnung fand  Mitte September im Rahmen der Club Transmediale Node.2 – Blind Capture in Berlin statt.

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