Musikklau im Netz: Vom fairen Umgang mit der Arbeit anderer

c/o pop präsentiert: Werte 2.0 Netzkultur vs Geistiges Eigentum

mit Tim Renner (Motor Entertainment), Mark Chung (Freibank), Micki Meuser (mediamusik e.V.), Stefan Herwig (Dependent/ Mindbase), Lars Sobiraj (Gulli.com), Christian Hufgard (Piratenpartei)

Eine Diskussion, die viel verspricht: Piraten kreuzen die Klinge mit den Musikverlegern und Labelschefs.

Zu Beginn sagt Mark Chung, Künstler sollen Geld für ihre Arbeit bekommen, damit sei eigentlich seiner Meinung nach alles gesagt. Christian Hufgard von der Piratenpartei wagt einen Vergleich: für Buchautoren ist es schwer, live zu lesen, denn der Markt ist dafür zu klein sei. Bei Musikern sieht es hingegen anders aus: denen ist es ein Leichtes Live-Aufführungen ihrer Musik anzubieten, da gäbe es einen größeren Markt. Außerdem fordert er, dass Tauschbörsen legal werden sollten. Im Saal bricht erstes lautes Gemurmel los. Stefan Herwig meint hingegen, das Internet müsse reguliert werden. Die Gesellschaft sei einfach noch gar nicht reif für ein freies Internet. Tim Renner meint, dass der momentane Zustand eher ein Generationskonflikt ist.

Micki Meuser bezeichnet sich als Musikautor, nicht als Musiker. Wenn man diesen Begriff benutzen würde, wäre es für die Menschen viel anschaulicher, dass hinter der Kreation von Musik eben auch Arbeit stecke. Der Piratenpartei stellt er die Frage, ob es richtig ist, dass Musiker live spielen müssen um Geld zu verdienen. Antwort: dann ist es eben so, wie es schon einmal war. Da sei man ja auch nicht zum Milch holen in den nächsten Supermarkt gelaufen, sondern eben auch mal ein paar Kilometer zum nächsten Bauernhof. Im Publikum treten einzelne Tumulte auf.

Mark Chung stellt noch einmal klar, dass Musiker nicht greifbare Werte schaffen. Sein Vorwurf: die Piratenpartei hätte schlicht keine Ahnung von Musik und wie sie erschaffen wird. Das käme daher, das die Bewegung, wie sie ja auch auf ihrer Webseite selbst sagen, einen wissenschaftlichen Hintergrund hat. Und in der Wissenschaft sei es wichtig, dass Informationen schnell einem größeren Personenkreis zugänglich gemacht würden. Aber Wissenschaftler finanzieren ihre Arbeit anders – aus Fördergeldern. Je mehr sie ihre Arbeit verbreiten, desto mehr werden sie bezahlt: durch Vortragsreisen und neue Förderungsgelder. Bei Musikern funktioniert dieses System nicht.

Stefan Herwig erzählt, dass ein Vorzeige-Artist des umsatzstärksten Netlabels auf einer Musikmesse, die er besuchte, genau 5 Live-Konzerte innerhalb eines Jahres spielte. Viel zu wenig um davon auch nur ansatzweise leben zu können. Herwig: Wenn schon alle nach freien Inhalten schreien würden, müssten sie erst einmal einen fairen Umgang mit den Produkten anderer Menschen erlernen. Darauf der Vertreter der Piratenpartei: „Bis ein Künstler verhungert ist dauert es etwas. Das macht keinen unterschied ob ich nun einen Track illegal runter lade oder nicht.“ Unverständnis beim Publikum und bei anderen Diskutanten, Zwischenrufe.

Lars Sobiraj von Gulli.com meint, dass die gewöhnlichen Nutzer die von den Medien aufgebauten Superstars kennt. Und bei denen halten es die Menschen für vertretbar Musik illegal herunterzuladen. Die Musikbranche müsse transparenter gestaltet sein – so könnten die Menschen erfahren, dass sie weitestgehend Indie-Labels und Einzelkünstler schädigen. Die mangelnde Bereitschaft Geld für Musik auszugeben resultiert daraus, dass die Käufer gar keinen Bezug zum Schaffensprozess haben. Stefan Herwig ergänzt, dass sich seiner Meinung nach die Netzkultur auch sehr darin gefällt zu sagen dass Musik per se zu teuer sei und dieses als Entschuldigung für illegales Downloaden und Filesharing benutzen würde.

Im Verlauf der Diskussion kristallisiert sich heraus, dass es nicht die Patentlösung gibt. Ein Ansatz: ein zentraler Computer, auf dem alle Musikstücke liegen und eine Kulturflatrate, um die Benutzung dieser Werke abzurechnen. Schnell wird  klar, dass sich dann weitere Fragen stellen: Wie soll das Geld der Flatrate unter den Musiker verteilt werden? Akzeptiert das Publikum eine Flatrate? Die Resonanz der Konsumenten auf solche Projekte ist doch eher überschaubar, wird berichtet.

Tim Renner vergleicht Internet mit dem Radio. Und das war Beginn auch ein illegales Medium war (Anmerkung: Zumindest in den USA, wo es Anfang des 21. Jahrhunderts einen Wildwuchs an privaten Radiostationen gab. In Deutschland war Radio von vornherein eine staatlich regulierte Angelegenheit.). Schon damals wurde befürchtet, dass die Musikindustrie dadurch finanzielle Einbussen erleben würde. Das Gegenteil hätte sich aber gezeigt: nur hätte es eines neuen gemeinsamen Abrechnungsmodells bedurft – Rundfunkgebühren (Renner meinte in der Hitze des Gefechts aber wahrscheinlich Abgaben des Radios an Verwertungsgesellschaften für Musik). Dazu hätte man die Radiostationen aber auch erst einmal zwingen müssen.

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