Melt 2009: Soundgewitter und Tigerstampede

Bunt hier. Jung hier. Hip hier. Willkommen im Ferienlager. Willkommen im familiären Kreise 20.000 erwartungsvoller Hedonisten, flüstert es mir zu. Auf dem schier endlosen Fußweg vom Zelt zu den Bühnen begutachte ich meine Mitstreiter: Neonjungs und Indiemädchen (auch umgekehrt) verschmelzen zu einer Menge, in der sich für ein Wochenende soziale Codes auflösen sollen und wenig detaillierte Rückschlüsse erlauben über Alter, Herkunft und Orientierungen. Als popkulturell sozialisierter Festivalbesucher von heute reist man bereits mit einer gewissen utopistischen Grundversorgung an und findet so schon am Freitag in den Flow – schließlich gibt es keine Zeit zu verlieren. Und schließlich verspricht das Melt! alljährlich ein besonderer Höhepunkt des Sommers zu werden.

Da wir staubedingt zu spät ankommen, verpasse ich Delphic, auf die ich mich wirklich gefreut hatte. Erst zu Röyksopp schaffen wir es, und das erste Headliner-Konzert vereint die Massen wie erwartet. Im Schatten der unfassbaren Maschinen, unter der ständig in der Luft liegenden Bedrohung eines nahenden Gewitters, schießen uns die Norweger in die richtige Umlaufbahn. Und da machen wir es uns gemütlich, lassen uns treiben von Bühne zu Bühne, kaufen überteuertes Bier in unpraktischen Bechern und ertappen uns immer wieder dabei, ob der Gesamtheit der Eindrücke wie ein Kind mit offenem Mund zu staunen.

Crystal Castles und Matthew Herbert überbrückten die Zeit bis zu Aphex Twin – und der kam dann auch, mit aller Macht. Er wusste wohl, dass es kaum jemanden geben würde, der sich den Unnahbaren würde entgehen lassen – also blies er uns gesammelt die Köpfe weg. Ein akustischer Sturm donnerte uns entgegen und spaltete das Publikum in Verstörte und Euphorische. Ebenso fantastisch wie unfassbar, und überdies bereits das Finale des Freitages, denn der akustische Sturm wurde mit einem meteorologischen beantwortet. Das Inferno, das gegen drei Uhr morgens über Ferropolis hereinbrach, hinterließ Verwüstung, einige Absagen (z.B. von Moderat – leider!) und vor allem viel zu viel Wasser. Auch unser Lager wurde dem Erdboden gleich gemacht und überflutet, und die daher etwas klamme Nacht endete mit einem Weckruf der Trümmerfrauen, die am nächsten Morgen versuchten, zu retten, was zu retten war. Dass gleichzeitig, keine 50 Kilometer von uns entfernt, die Erde eine ganze Häuserzeile verschlungen hatte, verstärkte die trübgraue Katerstimmung des nächsten Morgens, die immerhin anhielt, bis dann doch mal ein wenig Sonne zu sehen, die Schnitzel gegrillt und das Bier gekühlt war.

Sturmschäden am Tag danach

Den Samstag eröffneten für uns The Whitest Boy Alive mit einem geschmeidigen Gig, der gut zu unserer Stimmung passte. Dass wir dafür die Mediengruppe Telekommander geopfert haben, bereute ich allerdings später, als ich mich umhörte und erfuhr, dass es dort etwas mitreißender zugegangen war. Ich entschied mich auch gegen Anna Ternheim und Boy8Bit und ließ das Psycho-Set von Animal Collective in voller Länge über mich ergehen. Womit ich ganz gut vorbereitet war für !!!, die direkt anschließend die Gemini Stage rockten.

Danach erst mal wieder Pause mit ausführlicher Getränkezufuhr und Vorfreude auf – ja, ja – Bloc Party. Zwar spielten gleichzeitig auch Fever Ray, Paul Kalkbrenner und die auf später verlegten Buraka Som Sistema aus Lissabon (auf die ich mich auch besonders gefreut hatte), doch versprachen Bloc Party nun mal das größte Gemeinschaftserlebnis. Eben einer der zahlreichen Spagats zwischen musikalischem Interesse (oft sowieso eingeschränkt durch die manchmal etwas sonderbare Running Order) und eben Ferienlager-Harmoniebedürfnis – kennt man ja. Natürlich (und dies füge ich als Edit hinzu, damit kein falscher Eindruck entsteht) waren Bloc Party super (wenn auch ein wenig schlecht gelaunt), und nichts anderes hatte ich erwartet. Uns mit „Flux“ aus der Show zu entlassen, war dann auch eine gute Idee. Doch auch hier habe ich mich später geärgert, als ich hörte, dass Buraka (die in ihrer Heimat Portugal selbst Festival-Headliner sind) zu den besten Performances des Festivals gehört haben sollen, die selbst Zuschauer überzeugt hätten, die bislang weder mit Stil noch Namen der Band vertraut gewesen waren. Fast schon obligatorisch war der Ausklang der Nacht im Angesicht von Digitalism, fast schon obligatorisch auch, dass in unserem Camp niemand schlief, als ich endlich per Viehtransport zuhause ankam (die Shuttle-Busse waren zwar theoretisch okay, nervten praktisch aber unwahrscheinlich). Ja, ich hätte bis zum Set von Ellen Alien bleiben müssen, aber ein Wurstfrühstück um Sechse ist auch nicht zu verachten.

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Als Patrick Wolf am Sonntagnachmittag (wieso das eigentlich?) spielte, schleppten wir uns gerade zum Frühsport mit DJ Supermarkt, der sehr schön eingeheizt hat. Danach wollten wir noch bei Kakkmaddafakka vorbeischauen, die uns natürlich des Namens wegen aufgefallen waren und von denen man hörte, sie seien äußerst sehenswert. Vor dem Brausezelt aber hätten wir warten müssen, weswegen wir ein zweites Wurstfrühstück vorzogen und erst zu Kasabian wieder zurück kehrten. Letzteres hätten wir uns schenken können, denn der Auftritt war ziemlich wenig „empire“ und beinahe langweilig. Vermutlich hatte man sich als Vorband zu sage und schreibe Oasis verstanden und sich dementsprechend angepasst. Und muss ich nun etwas über Oasis schreiben? Nach dem dritten Chanson mit Händen im Regenmantel wurde es uns zu traurig.

Brodinski hingegen hatte sich vermutlich als Vorband zu Tiga begriffen und das Gemini-Zelt bereits ordentlich angegrillt, als wir dazu stießen. Pünktlich um Mitternacht übernahm dann der Tiger himself und versenkte uns in ein chromblitzendes, kristallklares Set (gute Soundanlage übrigens), dessen wesentliche Stärke im Erzeugen und Aufbrechen minimalistischer Monotonien lag. Soll heißen: als um halb zwei „You’re Gonna Want Me“ lief und kurz darauf als Höhepunkt endlich „Windowlicker“, kochte die Menge. Kochte und schäumte und sprudelte euphorisiert, auch noch als um Punkt zwei Uhr das Licht anging. Die Melt-Pünktlichkeit: Was allgemein zumindest Planungssicherheit gab, war am Ende des letzten Sets natürlich einfach scheiße. Natürlich wollte niemand aufhören, sondern mehr, immer mehr und immer weiter, die Energien rauslassen. Also klatschten wir. Und tanzten dazu. Trommelten und tanzten dazu. Nahmen Becher und Kleinteile und trommelten an den Zeltmasten, den Lampenmasten, den Absperrgittern; alles was zum Trommeln diente, wurde genutzt.

cimg7945Eine halbe Stunde nach Ende seines Sets steht also Tiga mit breitem Grinsen neben dem Backstage-Team auf der Bühne und beobachtet, was er angerichtet hat: Hundert Trommler lassen den Beat nicht abreißen, noch mal hundert Tänzer nehmen ihn auf, noch mal hundert feuern von draußen an. Die überforderte Security (hier in der Rolle der spielverderbenden Eltern) braucht sehr lange, um überhaupt die Gemini Stage zu räumen und treibt dann den lärmenden Pulk, der sich immer mehr in eine marodierende Bande verwandelt, langsam zur Schleuse. Unterwegs klauen sie Mülltonnen zusammen und bauen daraus ein Rollkommando, einige büxen aus und lassen sich wieder einfangen, zwei englische Flitzer geben ihr letztes Hemd für mehr Musik. Nach zwei Stunden erst sind alle vom Hauptgelände – und kapern prompt die Flaschencontainer vor dem Eingang und den umliegenden Schrott. Bis sich schließlich der „Rest vom Rest“ in den Sleepless Floor ergießt, dämmert es zum Tag der Abreise.

Am Tag danach eine Review zu schreiben ist gut, denn eigentlich bin ich gar nicht hier, sondern noch dort. Am Tag danach zu schreiben ist schlecht, aus, na ja, offensichtlichen Gründen. Mein Notizblock ist wellig und die Playlist kaum noch lesbar, im Bad trocknet die Ausrüstung. Das Wochenende hatte einen guten Flow, die Stimmung war durchweg angenehm, die Abwicklung seitens der Veranstalter insgesamt sehr zufriedenstellend. Der gute Wille, drei Tage lang ungestört seinen Spaß zu haben, einte die Hedonisten ein weiteres Mal. „Komisch nur“, so A. grundernst auf der Rückfahrt, „dass ich jetzt wieder wo hin muss, wo ich nicht einfach ein Plastik-Diadem tragen kann, ohne schief angeschaut zu werden.“ Eskapismus gelungen, Ferienlager erfolgreich. Wer kommt mit nächstes Jahr?

Ach, und übrigens: Weiß jemand, was aus Zoe und Jack geworden ist?

3 Antworten zu „Melt 2009: Soundgewitter und Tigerstampede

  1. Ein einfach wundervoller Artikel! Es ist nicht möglich das Festival besser zu beschreiben! Vielene Dank für diesen Moment der Rückbesinnunge, Herr Bauer!

  2. Ich schließe mich an: Thumbs up für einen schönen, persönlichen Rückblick auf ein Festival, das so viele Geschichten hat wie Besucher. Ich durfte zwar selber nicht mit ins Ferienlager – die spielverderbenden Eltern, aka Moneten verboten es – aber im Herzen hab ich mit euch und allen glücklichen Freunden, die dort waren, mitgetanzt, gefroren, getrommelt und vor Glück gegluckst. Next time!

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